Der Teufel sind die anderen

Ein Außenseiter unter Abergläubigen: Maximilian Schmitt als Jägerbursche Max, Foto: Martin Kaufhold

Der Teufel sind die anderen

Tatjana Gürbaca inszeniert „Der Freischütz“ in Essen

Eigentlich fehlt nur noch die schwarze Mühle irgendwo im Hintergrund. Dieses unheimliche, trostlose Dorf mit seinen finsteren Häusern und dem abergläubischen, magischen Gekritzel an den Wänden (Bühne: Klaus Grünberg), es kommt einem irgendwie bekannt vor. Krabat, der Zauberlehrling aus der sorbischen Sagenwelt, könnte jederzeit um die Ecke kommen. Und in der Tat ist die Assoziation naheliegend: Wir befinden uns in einer düsteren Zeit unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg. Gottvertrauen und Zuversicht sind endgültig verflogen, der Glaube an das Böse dafür umso stärker. An diesem Abend wird – wie in der Krabat-Sage – auch eine schöne „Kantorka“, eine Sängerin, im Dorf erscheinen und ihrem Liebsten den Kopf verdrehen. Bloß mit dem Happy End und der Erlösung wird es dieses Mal nichts. Tatjana Gürbaca hat sich für das Aalto-Theater Carl Maria von Webers „Freischütz“ vorgeknöpft – und ihm den wohlig-romantischen Schauer ausgetrieben.

In der Schlüsselszene zu Gürbacas Deutung kommt ihr Hang zum Blutigen erneut zum Tragen: Kaspar, der skrupellose, vom Krieg enthemmte Verbrecher, reißt Max die „Freikugeln“ mit bloßen Händen aus dem Leib – statt sie zu gießen. Und es ist nicht der Teufel alias Samiel, der aus dem Off die Kugeln mitzählt, sondern die Dorfgemeinschaft. Sie hat den Teufel im Leib. Und sie machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle. Ist es der Krieg, der sie psychisch so deformiert hat? Oder gibt es den Krieg, weil die Menschen nun mal so sind? Gürbaca lässt das offen. Allerdings legen die wechselnden Kostüme von Silke Willrett einen weiten Streifzug durch die deutsche Geschichte mit all ihren Kriegen auf dezente Art nahe.

Tomáš Netopil muss am Dirigentenpult glücklicherweise nicht ganz so radikal mit der Romantik brechen, hütet sich aber auch davor, ins Folkloristische abzugleiten. Die Besetzung passt gut zur Erzählung. Maximilian Schmitt hat das jugendlich Strahlende in der Stimme, das ihn zu einem positiven Außenseiter macht, der vom Krieg verschont geblieben ist. Jessica Muirhead singt ihre Partie zwischen Zweifeln, Bangen und Hoffen mit hoher Intensität. Heiko Trinsinger gelingt die Entwicklung vom skrupellosen Raubein zum mörderischen Dämon.

„Der Freischütz“ | R: Tatjana Gürbaca | 15.3., 8.5., 7.6. 19 Uhr | Theater Essen | 0201 812 22 00

Autor

KARSTEN MARK

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