Der Stadt-Archäologe

Bestand Milbradt: Sülz Gustavstraße, 1950er Jahre

Der Stadt-Archäologe

Eusebius Wirdeier erzählt Geschichte zweier Viertel mit gefundenen Fotos

Irgendwo schlägt man dieses Buch auf, und sofort liest man sich fest. Zum Beispiel dort, wo die Fotografien einer Familie zu sehen sind, die in ihrem Lebensmittelgeschäft posiert. Vater, Mutter, ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge. Der Junge taucht ein paar Mal auf, dann nicht mehr. Wir erfahren, dass das Kind vor dem Laden überfahren wurde. Die Nazis schikanierten den Vater während des Krieges, in den 1950er Jahren führte man das Geschäft weiter, die Tochter wurde erwachsen, übernahm den Laden und eröffnet später eine Gastwirtschaft nebenan. Das Lebensmittelgeschäft übernahm eine italienische Familie, und sie ist nach fast vier Jahrzehnten auch ein fester Bestandteil des Viertels geworden.

„Fotogeschichten. Sülz und Klettenberg 1855-1985“ nennt Eusebius Wirdeier seine Sammlung fotografischer Fundstücke, anhand derer er eine Art Stadtarchäologie betreibt. Sülz ist jener Stadtteil Kölns, in dem die Universität liegt und der 1. FC gegründet wurde, der aus dem Fußballverein Sülz 05 hervorgegangen ist. Wirdeier hatte die Nachbarn gebeten, in alten Fotoalben nach Zeugnissen der Familien- und Viertelsvergangenheit zu suchen. Aus diesen Privataufnahmen setzt sich nun der großformatige Bildband zusammen.

Man muss nicht aus den betreffenden Vierteln stammen, um fasziniert von diesem Projekt zu sein. Wirdeier betrachtet Geschichten und Bilder als Texte, die er zu lesen weiß. In seinen Bildbeschreibungen erklärt er die Kleidung, die Haltung der Menschen und die historischen Hintergründe der Aufnahmen. So erfährt man, wie die Gartenflächen der Industrie – das heißt der Hut-, der Brot-und der Fahrradfabrikation – hatten weichen müssen. Man erfährt aber auch, dass das jüdische Leben im Viertel verwurzelt war und mit dem Aufkommen der Nazis verdrängt wurde und man schließlich der jüdische Besitz vereinnahmte. Deutsche Geschichte unmittelbar aus dem Leben gegriffen, man glaubt die Spuren der Vergangenheit noch zu schmecken, auch deshalb weil die Geschichten von ehemals immer wieder die unterschwellige Frage stellen: Wie ist es denn heute?

Dazu braucht man nur in der Emmastraße auf den Stolperstein für Lou Straus-Ernst zu schauen. Die Ehefrau von Max Ernst lebte hier, bevor sie wegen ihrer jüdischen Herkunft nach Frankreich fliehen musste, wo sie dann jedoch deportiert und nach Auschwitz verschleppt wurde. Das Buch erzählt aber auch vom Karneval oder dem legendären Eisenwarengeschäft der Familie Bosen, den großartigen Fotografien, die Chargesheimer von der Universität oder der Fotograf Peter Schmitz von den Straßenkindern machte. Wirtschaftsgeschichte kreuzt sich mit Kulturgeschichte und das Buch zeigt, dass die Gestaltung des unmittelbaren sozialen Umfelds eine humane Atmosphäre schafft, die das Dasein lebenswert erscheinen lässt. Das ist der Boden, den eine Demokratie braucht, um sich entwickeln zu können. Heute ist Sülz ein begehrter Stadtteil mit einer Geburtenrate, die Spitzenwerte in der bundesdeutschen Statistik erzielt.

Eusebius Wirdeier sammelt, konstatiert, dokumentiert und beschreibt, jede Sentimentalität versagt er sich. Allein in der Präzision, mit der er zu Werke geht, spürt man das Herzblut, mit dem er dieses Projekt betrieben hat. Bilder und Texte verschränken sich. Wirdeier ist ein kritischer Fotograf, der das Bild analysiert und befragt. Das sich Wort und Bild brauchen, ist für ihn kein Verlust, sondern ein Gewinn, mit dem sich der Wirklichkeit besser auf die Spur kommen lässt. Es ist eben auch die Methode, die einen dazu verführt, dieses Buch immer wieder in die Hand zu nehmen und selbst urbane Archäologie zu betreiben.

Eusebius Wirdeier (Hg.): Fotogeschichten. Sülz und Klettenberg 1855-1985 | Emons Verlag | 240 S. | 36 €

Autor

Thomas Linden

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