„Der Mutterboden riecht heute nach Mikroplastik“

„Finalforest.exe“, 2021, video still, Bild: Sahej Rahal

„Der Mutterboden riecht heute nach Mikroplastik“

Kuratorin Inke Arns über „Technoschamanismus“

trailer: Frau Arns, wie gefährlich ist denn eine Geisterbeschwörung mittels Internet?

Inke Arns: Wenn man das nur wüsste! Fragen Sie meinen Computer … Es geht hier aber nicht nur um Geisterbeschwörung. Es geht um Technoschamanismus – unter diesen Begriff fasse ich Praktiken, die mir bei jüngeren Künstlerinnen und Künstlern in den letzten Jahren aufgefallen sind. Sollten sie eine solche Geisterbeschwörung betreiben – dann kann ich nur hoffen, dass sie dabei an einen guten Geist geraten! Die Ausstellung ist entstanden, als der HMKV eingeladen wurde, an „beuys 2021. 100 jahre joseph beuys“ des Landes NRW teilzunehmen. Nun ist der HMKV ist natürlich nicht der Ort, um eine kunsthistorische Ausstellung zu Beuys zu machen – das ist die Domäne von Museen. Aber Beuys hat sich ja immer als Schamane stilisiert und genau das ist eine interessante Verbindungslinie zu jüngeren Künstler:innen. Unter Technoschamanismus fasse ich Praktiken, die nach „schamanischen“ Kräften mittels des Einsatzes von spekulativer Technologie suchen – mit dem Ziel gesellschaftlicher Transformation. Oft fällt der Begriff der Heilung – des verwundeten Planeten oder der gespaltenen Gesellschaft. Und oft geht es auch um eine Suche nach Alternativen zum westlichen Rationalismus und Individualismus – um neue Allianzen z.B. mit nicht-menschlichen Akteuren.

Zur Person:
Dr. Inke Arns
ist Kuratorin und Autorin und seit 2005 künstlerische Leiterin des Hartware MedienKunstVerein Dortmund. Nach ihrem Abitur in West-Berlin (1988) studierte sie Slawistik, Osteuropastudien, Politikwissenschaften und Kunstgeschichte in Berlin und Amsterdam und promovierte 2004 an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Dissertation zum Paradigmenwechsel der Rezeption der historischen Avantgarde und des Utopie-Begriffs in (medien-) künstlerischen Projekten der 1980er und 1990er Jahre in Ex-Jugoslawien und Russland. Foto: Anne Bergner

Was sind denn zum Beispiel aktuelle technoschamanistische Positionen?

Zentral für die Ausstellung ist sicherlich J.P. Raether, der in dieser Ausstellung unter dem Namen Transformella firmiert. Seit Längerem entwickelt der Künstler ein ganzes System von fiktionalen Identitäten und hysterisch-subversiven Drag-Charakteren, die allesamt kapitalistische Waren- und Produktionsströme erforschen. Transformella cinis, die wir in der Ausstellung haben, interessiert sich zum Beispiel für den globalen Markt der menschlichen Reproduktion und für Fragen der künstlichen Befruchtung, der Ammen, der Spenderzellen und der Leihmütter, z.B. in Indien. In diesem Kontext wird es Anfang 2022 auch eine Performance in Dortmund geben – wo, wird noch nicht verraten.

Das bewegt sich alles in einem technologischen Rahmen. Sollen wir so vom Geruch des Mutterbodens entfernt werden?

Diese Gegensätze existieren doch so gar nicht mehr. Der Mutterboden riecht doch heute nach Mikroplastik, wenn sie mich fragen. Der Begriff des „Technoschamanismus“ ist ja auch ein Hybrid, in dem auf den ersten Blick ein Widerspruch zu stecken scheint. Was haben Technologie und Schamanismus miteinander zu tun, sind das nicht Gegensätze? Eben nicht. Technologie und Esoterik schließen einander nicht aus. Da reicht übrigens schon ein Blick in die Mediengeschichte.

Technologie und Esoterik schließen einander nicht aus“

Gibt es auch in der Ausstellung „freie Radikale“ in den Arbeiten der Künstler oder in der Programmierung der Kunstwerke? Also Elemente, die sich selbst frei weiterentwickeln?

Ich würde behaupten, dass das bei jeder guten Kunst passiert, dass die unabhängig vom Künstler oder der Künstlerin in meinem eigenen Kopf ein Eigenleben entwickelt. Das Video „finalforest.exe“ des indischen Künstlers Sahej Rahal z.B. zeigt eine Künstliche Intelligenz, die wie eine maskierte schamanische Gestalt durch virtuelle Wälder stapft. Man fragt sich, wo diese spekulative Technologie hinläuft und was sie dort will.Und dann gibt es den Film von Anja Dornieden und Juan David González Monroy über Rituale mit maskierten Makaken-Affen, der einen Verweis auf die „Dreamachine“ enthält – eine Apparatur, die Ende der 1950er Jahre von den Beatnik-Künstlern Brion Gysin und Ian Sommerville entworfen wurde.Die kann man sich selbst bauen. Man stellt sie auf den Plattenteller, und dann erzeugt sie ein rhythmisches Lichtflackern, über das man sich selbst mit geschlossenen Augen in einen anderen Zustand begibt. Es gibt also durchaus Bezüge auf von den Künstler:innen abgelösten Praktiken.

Jetzt ist Joseph Beuys ja quasi Initiator der Ausstellung. Eine digitale „Fettecke“ ist ja nicht wirklich spannend. Aber kommt sie jetzt von Joseph Beuys aus dem transzendenten Jenseits?

Das mag ich mir gar nicht vorstellen! Die Künstler und Künstlerinnen in der Ausstellung, mit denen ich gesprochen habe, würden sich nicht als Adepten oder Nachfolger:innen von Beuys verstehen. Das hat mehrere Gründe – zum einen ist die Fallhöhe sehr hoch, wenn man sagt, man führt das fort, was Beuys gemacht hat und zum anderen ist Beuys heutzutage nicht mehr ganz unproblematisch. Insbesondere wenn man sich diese Selbstinszenierung als Schamane anschaut, dafür würde man ja heute in der Luft zerpflückt werden. Beuys‘ Schamanismus-Konzept war ein ganz unkritisches. Und unabhängig davon: Die Künstlerin Mariechen Danz sagt zum Beispiel ganz klar, Beuys habe bestimmte Sachen gemacht und sie – und andere – bedienten sich auch bestimmter Elemente, aber das sei dann doch different und gehe in ganz andere Richtungen. Man könne eher von einer Art Parallelität sprechen. Beuys sei nicht der Ausgangspunkt und alle anderen nur seine Nachfolger:innen.

Spekulative Technologie kann auch behauptete Technologie sein“

Wie ist es denn in Eurer Ausstellung, muss man da viel lesen? Braucht man ein spezifisches Wissen? Ist der Transport zwischen Kunstwerk und Betrachter komplizierter?

Nein. Die Ausstellung ist sehr sinnlich. Wir präsentieren in dieser Ausstellung viele materielle, zum Teil rätselhafte Objekte, die sehr präsent und durchaus raumgreifend sind. Besucher:innen können sich die Arbeiten anschauen und eigene Schlüsse daraus ziehen. Wenn man möchte, kann man auch etwas lesen – die Texte auf den Exponaten-Schildern sind bewusst in einfacher Sprache gehalten. Viele Dinge erschließen sich natürlich etwas umfassender, wenn man Zusatzinformationen bekommt, über einen kurzen Text oder wenn man eine Führung mitmacht, die jeden Sonntag stattfinden. Das geht mir selbst doch auch so.

Die spekulative Technologie geistert noch immer in meinem Kopf rum.

Spekulative Technologie kann auch behauptete Technologie sein. Quasi eine Art Denkhilfe, um alternative Konzepte von Technologie zu imaginieren. Es kann aber auch praktische Entwicklungs- und Programmierarbeit sein, die Alternativen zu den GAFAM, also den „Big Five“ – Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft –entwirft. Open Source ist ein Beispiel dafür. Das „Cyberwitches Manifesto“ von Lucile Olympe Haute zitiert nicht ohne Grund Audre LordesMotto: „Du kannst nicht das Haus des Herren mit den Werkzeugen des Herren einreißen.“

Letzte Frage: Den Geist des Kojoten kann man aber immer noch nicht verstehen?

Man versteht ihn heute bestimmt anders, als Beuys es im Jahr 1974 getan hat. Während Beuys den Kojoten als Symbol der Natur quasi essentialisierte –mit ihm letztendlich auch die Native Americans, die der Kojote repräsentieren sollte – und ihn der Kultur gegenüberstellte, würde man heute eher dafür interessieren, dass es sich bei „Little John“ ja um einen abgerichteten Kojoten handelte, der oft für Filmdrehs eingesetzt wurde. Da haben wir es wieder: Der Kojote ist nicht mehr eindeutig der Natur oder der Kultur zuzuordnen. Er ist ein hybrides Mischwesen. Der aktuelle Technoschamanismus interessiert sich genau für diese neuen Konstellationen zwischen Mensch, Tier, Natur und Maschine – und den neuen Formen von Kollektiven, die sich daraus ergeben.

Technoschamanismus | 08.10., 17 Uhr | Hartware MedienKunstVerein Dortmund | 0231 13 73 21 55

INTERVIEW:

PETER ORTMANN

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