Der Gardeoffizier ist keine Konkurrenz

Anton Kuzenok als Nemorino, Foto: Lefebvre

Der Gardeoffizier ist keine Konkurrenz

Überschäumender Liebestrank in Hagen

Wenn Nemorino wüsste, was da hinter den Kulissen läuft, er wäre wohl weitaus entspannter. – Aber dann wäre auch schon die Luft raus aus dem reizvollen Verwirrspiel um Liebe, Eifersucht und Missverständnisse. Und so bleibt es dem sympathischen Dorftrottel bis zuletzt verborgen, dass der schmucke Gardeoffizier Belcore nur aus sportlichem Wettbewerb hinter seiner Angebeteten Adina her ist – in Wahrheit hat er ein homoerotisches Techtelmechtel mit dem Quacksalber Dulcamara.

Hagens Theaterintendant Francis Hüsers hat sich als Regisseur diese zusätzliche Wirrung in Donizettis komischer Oper „Der Liebestrank“ einfallen lassen. Sie feierte er als erste Produktion nach sieben Monaten Kulturlockdown Premiere. Wobei „feiern“ dieses Mal sehr wörtlich zu nehmen ist: Das Ensemble schäumte nur so über vor Spiel- und Sangesfreude.

Hüsers hat die Handlung, die in einem baskischen Dorf des 18. Jahrhunderts verortet ist, als Spiel im Spiel modernisiert. Weil sein Ensemble durchweg noch sehr jung ist, lässt er es als Nachwuchskünstler einer Musikhochschule auftreten – was durch den Wechsel zu typischen Kostümen der Commedia dell´arte augenfällig wird (Kostüme: Katharina Weissenborn). Der zweite Akt ist dann quasi die Premiere in der Premiere. Die Idee ist nicht ganz neu, passt hier aber durchaus gut.

Faszinierende klangliche Transparenz

Selbst die musikalischen Einschränkungen, die immer noch den Schutzvorschriften geschuldet sind, entwickeln einen ganz eigenen Reiz. Denn Rodrigo Tomillo, der erste Kapellmeister, musste das Orchester auf nur 20 Instrumentalisten zurechtstutzen, den Chor auf nur acht Sängerinnen und Sänger. Heraus kommt dabei keineswegs eine Schmalspurversion, sondern eine faszinierende klangliche Transparenz, die vor allem in den komplexen Gesangsensembles für ungeahnte Klarheit sorgt.

Die kann sich diese Besetzung auch absolut erlauben. Die jungen Solisten Penny Sofroniadou und Anton Kuzenok sind als Adina und Nemorino umwerfend charmant, gesanglich glänzend und voller Inbrunst. Kenneth Mattice als Belcore und Insu Hwang als Dulcamara nimmt man die gemeinsame Romanze zwar nicht so richtig ab, in puncto Witz und Präsenz sind sie aber ebenfalls Volltreffer. Und so solistisch wie in dieser Produktion ist der Hagener Chor (Leitung: Wolfgang Müller-Salow) – allen voran mit Kisun Kim als Giannetta – nur selten zu erleben. Ein Abend, der durchweg Spaß macht.

Der Liebestrank | So 27.6. 15 Uhr, So 4.7. 18 Uhr | Theater Hagen | 02331 207 32 18

Autor

KARSTEN MARK

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