Denken mit dem Knie

Carla Jordão, Foto: Sonia Franken

Denken mit dem Knie

„A Universal Opinion” in der TanzFaktur

Wir kennen alle den Moment, wenn sich die Straßenbahn in Bewegung setzt und nichts mehr zu tun ist, als zu warten. Der Blick schweift zu den anderen Passagieren und es ist, wie es immer ist: Die Männer fläzen sich breitbeinig auf den Bänken, während die Frauen neben ihnen mit aufgerichtetem Oberkörper die Beine überkreuzen. In unserer Körpersprache haben Stereotype des Geschlechts, der Macht und der Mode ihre Spuren hinterlassen. „Wie sich Machtsysteme auf menschliche Körper auswirken, interessiert mich schon lange“, sagt die portugiesische Choreografin Carla Jordão. Sie schaut auf die Bewegungsmuster unseres Alltagslebens, und zwar mit solch einer analytischen Präzision, dass ihr 2019 der Kölner Tanztheaterpreis für ihre Produktion „A Universal Weakness“ verliehen wurde.

Daran knüpft sie nun in der TanzFaktur mit „A Universal Opinion“ an. Vom Bürostuhl bis zum Autositz wird der Mensch den Produktionsbedingungen des Kapitalismus angepasst. „Sozialer Druck fordert konstant von uns, besser zu sein“, meint Jordão. Der Kopf als Kontrollinstanz lässt sich nicht neu programmieren. Für den Körper gilt, was der amerikanische Psychologe Paul Watzlawik über Menschen gesagt hat: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Die Erkenntnis, dass alles was wir tun, Rückschlüsse auf unsere sozialen Prägungen zulässt, stellt für Jordão den Ausgangspunkt ihrer Arbeit dar. Statt den Körper zu korrigieren, lässt sie ihm lieber die Freiheit des Ausdrucks. Josef Beuys’ Behauptung „Ich denke sowieso mit dem Knie“ spricht der Choreografin aus dem Herzen: „Wenn der Kopf ausgeschaltet ist, entsteht eine ganz neue Qualität der Bewegung“, erklärt sie, „dann beginnt der Körper erst so recht zu sprechen.“

Das kleine Ensemble „Species“, bestehend aus Céline Bellut, Jordan Gigout und Kenji Shihone, hat während der Proben eine eigene Körpersprache entwickelt. Carla Jordão verschränkt die Erfahrungen auf der Probe mit der Inspiration, die sie aus der bildenden Kunst zieht. Neben der Malerei spielt das Werk von Cindy Sherman eine bedeutende Rolle. Sherman stellt in ihren Selbstportraits klischeehafte Rollenbilder szenisch nach. Man darf gespannt sein, wie Jordãos Choreografie die verkrusteten Bilder aufbricht und eine Form der Bewegung formuliert, die den Blick auf ein verletzbar authentisches Selbst freigibt.

A Universal Opinion | R: Carla Jordão | 5. – 6.11. je 20 Uhr, 7.11. 18 Uhr | TanzFaktur | 0221 22 20 05 83

Autor

THOMAS LINDEN

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