„Den Begriff Familie mal überdenken“

Christian Tombeil, Foto: Albi Fouché

„Den Begriff Familie mal überdenken“

Intendant Christian Tombeil über das Essener Spielzeitmotto „We are family“

trailer: Herr Tombeil, Sister Sledge sangen einst „We are family“. Ist denn der Essener Discofloor ordentlich desinfiziert worden?

Christian Tombeil: Total. Nicht nur desinfiziert, sondern grundsaniert. Wir haben die Corona-Zeit genutzt, waren sehr schnell, und haben den lange überfälligen Bühnenboden erneuert und komplett neu eingestrichen. Deswegen ist bei uns alles so dermaßen neu und grundgereinigt, dass ich sagen kann, man kann sich bei uns sicher und natürlich wohl fühlen.

Und das Corona-Konzept?

Das haben wir ja vor dem Sommer schon ausprobiert, das funktioniert. Man muss jetzt schauen, wenn es mal aus Strömen gießt und 50 Leute gleichzeitig kommen, dann könnte es zu einem Stau kommen. Aber im Prinzip sind wir wirklich gut vorbereitet.

Zur Person:
Christian Tombeil
studierte, ausgebildet zum klassischen Tänzer, Germanistik und Kunstgeschichte in Stuttgart. Mit Beginn der Spielzeit 2010/2011 hat er die Intendanz am Schauspiel Essen übernommen. Zuvor war er Stellvertretender Generalintendant und Künstlerischer Betriebsdirektor an den Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach. Foto: Albi Fouché

Familie ist das Spielzeitmotto. Bei Kleists Marquise von O. ist sie wohl eher Pseudoinstanz für Doppelmoral?

Das ist ja das, was uns so interessiert hat an dem Begriff. Familie ist ein Begriff, der heute sehr inflationär benutzt wird. Die arabischen Clans, die wir hier bekämpfen, werden sich selbst als gut funktionierende Familie bezeichnen. Genauso wie wir durch Corona zerrüttete Familien erleben. Ich finde, durch die Pandemie hat der Begriff Familie noch mal eine ganz andere Bedeutung gekriegt. Wenn man sich überlegt, dass beispielsweise ein großer Teil der Berichterstattung über häusliche Gewalt und die Schwierigkeiten in Familien waren, wenn man dann hört, dass in Interviews Leute sagen: Also drei Monate mit meinen Kindern zuhause, das ist furchtbar, das will ich nie wieder erleben – dann würde ich doch den Begriff Familie mal grundsätzlich überdenken. Warum kriegt man dann Kinder? Diese Fragen muss man sich stellen. Dass sich hinter Familie auch versteckt wird, bis dahin, dass auch Parteien und Religionsgemeinschaften den Begriff benutzen – natürlich auch mit einer Doppelmoral. Wie bei Kleist im 19. Jahrhundert. Und das geht noch weiter zurück, nimm Shakespeares Romeo und Julia: Jeder der beiden Familien behauptet für sich, Weisheit und Gerechtigkeit mit Löffeln gefressen zu haben, und was passiert? Es bleiben ganze Marktplätze voll Leichen zurück.

Ich glaube, dass vor allem der Turbokapitalismus die Familien zerstört“

Ist die Familie nicht auch zwingend für das reibungslose Funktionieren im Kapitalismus?

Da wird es ambivalent. Ich glaube, dass vor allem der Turbokapitalismus, der grenzenlose, eben nicht mehr sozial abgefangene Kapitalismus die Familien eher zerstört. Nehmen wir Deutschland. Es wird dir vom Staat vorgegaukelt, dass du 25 sein kannst, Mann und Frau arbeiten, und du zwei Kinder völlig unproblematisch großgezogen kriegst. Das ist schlicht und ergreifend gelogen. Es gibt gar nicht so viele Betreuungsplätze. Allein in Essen sind nur noch zwei, drei Schulen zu finden, die eine Ganztagsbetreuung anbieten. Da sind andere Länder viel, viel weiter. Ich glaube, der Kapitalismus hat dazu geführt, dass die Familien zerfallen sind. Schauen wir in die Mongolei oder nach Schwarzafrika, dort funktionieren die Familienbegriffe noch viel stärker, sicher hierarchisch und patriarchalisch geprägt, aber wir wissen ja auch, dass in ganz vielen Familienverbänden es die Frauen sind, die sie zusammenhalten und sagen, wo es lang läuft. In der Mongolei liegt die Arbeitslosigkeit bei Frauen bei 5% und bei Männern bei 50%. Weil die Frauen alle ausgebildet sind, Diplome haben. In der Neuzeit verändern sich auch da Dinge.

Kommen wir zurück zum Spielplan: Warum gibt es in Essen jetzt Gurkenhäppchen zur Weihnachtszeit?

Dramatisches Material zur Familie zu finden, ist vergleichsweise einfach. Man kann sagen, 70% der Literatur sind irgendwelche Dramen familiärer Art. In der Komödienecke gibt es aber nicht so viel. Wir fanden aber in „Bunbury“ ein wunderbares Beispiel für die dekadente Familie, die nicht mehr genau weiß, was könnte man außer Dekadenz mit Gurken-Sandwiches noch machen? Sie scheinen unverwundbar auf eine wunderbare Weise, und das wird gleichzeitig auf eine humorvolle Art ad absurdum geführt.

Viele Stücke finden wir jetzt mit dem Eindruck von Corona zwingender“

Und dafür sind die Arbeiterinnen von werkgruppe 2 doch verschoben worden?

Das tut uns allen sehr leid, aber wir hatten gar keine andere Chance. Weil es vorm Sommer noch so war, dass du in Quarantäne gehen musstest, wenn du über Grenzen fuhrst. Und da vier Polen an dem Stück beteiligt waren und sowohl wir nach Polen und die Polen hierher hätten reisen müssen, haben wir – auch mit den Partnern von den Ruhrfestspielen Recklinghausen – das fertige Stück verschoben. Wir haben überlegt, das Stück ohne die polnischen Kollegen zu machen, das wäre aber wie ein Verrat am Stück gewesen.

After Midnight“, der grandiose Musikclash im verschneiten Irgendwo, ist immer noch im Spielplan, Foto: Diana Küster

Die Kernfamilie über Generationen ist der epische Kern der Spielzeit, aber auch in „Das achte Leben (Für Brilka)“ vonNino Haratischwili – wie kam das Stück denn auf den Spielplan?

Na ja, Buddenbrocks haben wir schon gemacht, das wäre der große deutsche Familienstoff gewesen, und dieHaratischwilihat hier gelesen, und dann dachten wir: Dann lass uns doch ein großes Geschichtsepos machen. Das Stück erfüllt mehrere Kriterien, die uns interessieren: Punkt 1, sie zeigt das Thema Familie über Generationen, und Punkt 2, sie zeigt es aus der Sicht der Frau. Ich finde, dass der Roman etwas Archetypisches hat.

Und „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck ist dann der versöhnliche Ausklang im kommenden Jahr?

Versöhnlich, das wird man sehen… Mit dem „achten Leben“ schaut man sich die georgische, vorderasiatische Seite an, vielleicht auch die russische, wenn man will. Da lag es nahe, dass man sich auch die angloamerikanische Seite anschaut. Wir haben auch über den einen oder anderen Stoff schon geredet, aber viele Stücke finden wir jetzt mit dem Eindruck von Corona zwingender. Und wir haben bisher wenig amerikanische Literatur gespielt.

Erste Premiere: „Die Marquise von O…“ | R: Christopher Fromm | Sa 19.9. 19 Uhr | Theater Essen (Casa) | 0201 81 222 00

Interview:

PETER ORTMANN

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