„Das wird oft so herrlich dekadent inszeniert“

Foto: Philip Lethen

„Das wird oft so herrlich dekadent inszeniert“

Björn Gabriel inszeniert in Moers Büchners „Leonce und Lena“
– Premiere 03/16

trailer: Herr Gabriel, wo ist heute die herrlich dekadente Langeweile abgebleiben?

Björn Gabriel: Das beziehen Sie jetzt auf das Stück. Da wird sehr missverständlich oft Langeweile gesagt, und das wird dann auch oft so herrlich dekadent inszeniert. Ich habe eher das Gefühl, dass da eine Gesellschaft ist, die um ihre Identität ringt und die nicht weiß, was zu tun, was sinnstiftend ist. Wenn Begriffe in Dramen so oft auftauchen, dann gilt es für mich erstmal, ihnen zu misstrauen. Das Stück von Büchner war ja ein Auftragswerk. Deshalb steht da auch Lustspiel drüber. Auf die Ausschreibung für ein Lustspiel hat er ein furchtbar trauriges, melancholisches Szenario entworfen. Eine Gesellschaftsform, damals der Vielvölkerstaat, in dem ja auch die ganzen Theater entstanden sind, so viele Staatstheater. So viele gab es ja nur zu der Zeit, weil die sich alle sehr dekadent geschmückt haben mit ihren kulturellen Tempeln. Die Langeweile oder dieser Müßiggang war für eine Gesellschaftsschicht, die sich das damals erlauben konnte. Aber heute auch. Viele müssen heutzutage gar nicht in die Mühlen der Erwerbsarbeit; sie langweilen sich, weil sie keine Aufgabe, keine Arbeit haben, mit der sie sich identifizieren. Das passiert immer, wenn Kriege wunderbar lange her sind. Aber das ist gefährlich.

Zumindest den echten Automaten sind wir in der Gentechnologie näher gekommen?

Ja, das stimmt. Mit Automaten beschreibt Büchner aber auch Puppen. Das ist ein ganz wunderbarer Text von Valerio ganz am Ende über Automaten, die eine Zeit lang laufen, und da beschreibt er weniger das Gerät als die Sinnlosigkeit des menschlichen Strebens, also des Sich-Bewegens, den Text wiederholen, übers Lieben, übers Heiraten, und dann hört die Uhr auch irgendwann wieder auf zu laufen.

Jetzt ist ja dem Stück oft der eigene Ruf oder der Hunger nach Welt vorangestellt. Wo fängt bei der Überlegung zu so einer Inszenierung denn die feine Politsatire an?

Tatsächlich mit dieser Vorrede. Das ist ja heutzutage brandaktuell. Also, wenn wir von „Festung Europa“ sprechen und den ganzen Opfern dieses Wohlstandes und dem Wissen darum durch die Multimedialität, in der wir uns befinden. Und Hunger und Ehre heißt es. Das ist ja ein wunderbares Gegensatzpaar. Wenn man die Ehre aus der Geschichte der Philosophie begreift, dann ist es für uns Nachfolgegenerationen, denn Nazis haben den Begriff auch, oder die Bundeswehr. Aber in der Antike war das eher eine moralische Ehre. Das hatte immer was mit Humanismus zu tun. Eine gute Tat und nicht aus dem Affekt, sondern etwas, das Ehre hinterlässt, war mal hochangesehen. Zu Büchners Zeiten denke ich auch. Und den Hunger würde ich mal bei Büchner – um in diesem Langeweile-Bild zu bleiben – mit einer Gier nach Leben ausdrücken. Und dann kommt aber noch als zweiter Hunger – das ist tatsächlich dieses Aktuelle, da weiß ich noch nicht, wie weit wir da rankommen und ob das nicht die Inszenierung sprengt – der, der in Büchner auch steckt, dieser dekadente Staat und der Hunger, den er produziert.

Also die Herausforderungen, mit denen wir heute zu kämpfen haben – ich denke da immer ans Heilige Römische Reich, wo ähnliche Bedrohungen oder ich sag mal Einflüsse von außen gekommen sind und dann im Grunde genommen das Imperium zerstört haben – ist es nicht heute auch so, dass wir uns durch diese ewige Langweile und Dekadenz in einen Untergang bewegen?

Ja, Sie drücken das sehr dystopisch aus. Ich denke aber auch, dass Büchners Drama eine absolute Dystopie ist. Dass morgen alles nochmal von vorne anfängt und sich keine Besserung abzeichnet. Das lese ich bei Büchner so, und meine Lesart kommt natürlich aus einer Zeitgenossenschaft. Und ich finde auch, dass diese Form der demokratischen Ordnung an den meisten vorbeigeht. Eine Staatsform, die sehr stark durch Lobbyismus bestimmt wird, und der hat, glaube ich, noch fatalere Folgen als solche Erscheinungen wie Pegida oder AfD. Viel fataler finde ich ein Nichtbewegen oder Nichtreagieren des Volkes, also des Zentrums der Demokratie.

Warum will Lena zum Schluss kein Theater bauen?

Das ist eine gute Frage. Lassen wir es auf uns zukommen. Die Ambivalenz des Begriffs des Theaters ist natürlich das Theatermachen also, die einem was vorspielen, Unsinn reden. Ich glaube, eigentlich liegt dahinter Büchners Sehnsucht nach einer Authentizität. Geht aber hervor aus diesem Vielvölkerstaat und Theater als größtes Aufklärungsinstrument seiner Zeit.

Und wie sieht das dann alles auf der Bühne aus?

Wir arbeiten wahnsinnig viel mit Schnitten und wir setzen das Individuum in eine Gegenschräge durch Licht-Video-Konstruktionen, selbst Animationen und die neue Drehbühne wird genutzt, die es hier in Moers gibt. Wir setzen es in die Ästhetik des digitalen Zeitalters, um dem Werk gerecht zu werden, das ja im Kern so bedeutend ist mit der Identitätssuche. Deshalb eine digitale Ästhetik, weil das natürlich heute diesen dekadenten Möglichkeitspluralismus – heißt es ja seit ein paar Jahrzehnten, was wir da angeblich hätten, dass die Freiheit auch zum Zwang werden lässt – am besten abbildet. Sowieso sollte man das Drama seit der Erfindung der Fernbedienung anders denken. Und Tilman Oestereich und Anna Marienfeld machen dafür diese Videoarbeiten.Das Schöne ist, dass wir immer von der Wucht der Information sprechen. Je größer die Leinwand ist, desto wuchtiger kann die wohlausgewählte Information uns treffen und in unserer Magengrube landen.

„Leonce und Lena“ | R: Björn Gabriel | Sa 9.4.(P), Do 14.1., Di 19.4. 19.30 Uhr, So 17.4. 18 Uhr
Schlosstheater Moers | 02841 883 41 10

Autor

PETER ORTMANN

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