„Das Schwein ist uns egal“ – THEMA 07/15 Veganes Leben

Billiges Fleisch für Konsumenten, hoher Preis für Tiere, Foto: Jan Schliecker

„Das Schwein ist uns egal“ – THEMA 07/15 Veganes Leben

Die Tierethikerin Hilal Sezgin über Veganismus und Tierrechte

trailer: Frau Sezgin, was hat Sie bewogen, Veganerin zu werden?
Hilal Sezgin: Ich war Vegetarierin seit meinem 13. Lebensjahr. Ich bin in einer sehr tierlieben muslimischen Familie aufgewachsen. Irgendwann habe ich Kühe auf einer Weide beobachtet und gezeichnet. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich diese Tiere esse, obwohl ich sie als Individuum wahrnehme. Ich sagte meiner Mutter, dass ich kein Fleisch mehr essen wolle. Zur Veganerin wurde ich vor acht Jahren, als ich aufs Land zog und mir Bauernhöfe und auch einen Demeterhof angeschaut habe. Ich habe immer gedacht auf solchen Höfen leben die Tiere glücklich. Aber auch dort standen beispielsweise die Kälber von der Mutter getrennt. Die Realität sieht also anders aus.

Es mangelt nicht an grausamen Videos über Massentierhaltung, etc. und jeder kennt diese Bilder. Warum setzt nicht ein kollektives Umdenken ein?
Ich hoffe ja, dass wir am Rande eines solchen Umdenkens stehen.
Eine Antwort wäre, zu sagen, wir sind es so gewöhnt. Wir sind alle aufgewachsen in einer Gesellschaft, in der die Nutzung von Tieren selbstverständlich ist. Und eine Sache, die wir als Teil unserer natürlichen Umgebung wahrgenommen haben, zu hinterfragen, das ist nicht nur anstrengend, sondern verunsichert uns. Es gibt die Angst davor, sich einzugestehen, dass man rückblickend lange Zeit falsch gehandelt hat.

Zudem wird uns von der Werbung oder vom Kapitalismus suggeriert, dass im völlig freien Konsum Glück liege. Sprich, Verzicht ist für Menschen schlimm. Was aber ist am Verzicht so schlimm? Wir verzichten andauernd, es ist auch gar nicht so schwer, es ist eine kluge und genussvolle Entscheidung. Aber das Gefühl, dass einem angeblich etwas verboten wird, suggeriert den Menschen Leiden.

Hilal Sezgin (45) ist Journalistin und befasst sich mit Feminismus, Islam, Islamophobie und Tierethik. Sie ist Veganerin und lebt gemeinsam mit vielen Tieren auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide, Foto: Ilona Habben

Wie kommt es, dass wir Hund und Katze lieben und pflegen, uns aber ein Schwein, das irgendwo als Nutztier lebt, vollkommen egal ist?
Wir haben Grenzen eingezogen, die so einfach nicht funktionieren. Würden wir Katze und Hund in einen Käfig sperren und sie dort über ihrem Kot sitzen lassen, wären wir barbarisch und begingen Tierquälerei. Passiert das gleiche mit einem Schwein, ist uns das egal.

Hier geht es um kulturelle Wahrnehmungsmuster. Diese lassen sich aber überwinden. Schauen wir beispielsweise auf das Thema Frauen: Lange Zeit wurden viele Formen von Gewalt gegen Frauen gar nicht als problematisch angesehen. Das wurde durchbrochen und es wurden neue Gesetze geschaffen.

Auch die Sichtweise auf Tiere hat sich schon einmal im Laufe der Zeit gewandelt: Man hat lange Zeit gedacht, dass Tiere, weil sie keine menschliche Sprache haben, auch nicht denken und handeln können, sie keinen eigenen Willen haben. Die neuere Verhaltensforschung hat diese Sichtweise zugunsten einer gerechteren Wahrnehmung des Tieres verändert. Da spielte das Durchbrechen der kulturellen Wahrnehmungsmuster eine große Rolle. Die darwinistische Erkenntnis, dass wir mit den Tieren verwandt sind, haben wir moralisch noch nicht akzeptiert.

Können Sie Ihre Tierethik kurz zusammenfassen?
Tiere sind Individuen. Sie haben bewusste Wahrnehmungen und Emotionen wie Freude, Schmerz und Trauer. Tiere führen eigene Leben mit ganz vielen unterschiedlichen Komponenten. Das machen wir uns oft nicht klar, wenn wir Nutztiere betrachten. Da spielt es dann nur eine Rolle, ob sie dick und gesund genug sind und genügend Leistung erbringen. Wir müssen aber das Individuum sehen, mit allen seinen Rechten. Das heißt nicht, dass ein Tier immer glücklich sein muss, wir sind es ja auch nicht. Aber wir Menschen sind verpflichtet, dieses Leben nicht willkürlich zu schädigen oder es gar zu beenden.

Ist Veganismus inzwischen von einem Trend zu einem gesellschaftlich anerkannten Lebensmodell geworden?
Ja, das glaube ich. Man hört zwar oft, Veganismus wäre ein Hype, der vergehen wird. Aber es geht um viel mehr: Der Trend Veganismus trägt die Möglichkeit einer bestimmten Befreiung, einer Öffnung. So lange wir es für die einzige Möglichkeit halten, mit tierischen Produkten zu leben, so lange das für uns selbstverständlich ist, müssen wir auch Rechtfertigungsmuster aufbieten, die diesen Gedankengang am Laufen halten. Sobald wir aber andere Möglichkeiten sehen, können wir auch neu darüber nachdenken. Und selbst wenn Leute veganes Leben ausprobieren, weil sie es als gesund empfinden, abnehmen wollen oder weil es ein Trend ist, dann werden sie merken, dass man so sehr gut leben kann. Es eröffnet sich ihnen also die Möglichkeit, neu über ihr Verhältnis zu Tieren nachzudenken.

Welche konkreten Änderungen würden Sie sich im Tierrecht wünschen?
Zunächst sollten wir unser bisheriges Tierschutzgesetz ernster nehmen. Dort steht ja schon, dass man Tiere nicht ohne vernünftigen Grund töten darf. Daher sollte das Töten aus Geschmacks- und Traditionsgründen ganz abgelehnt werden.
Ich fürchte aber, dass es für diesen Schritt zu früh ist. Wir leben in einer Demokratie, und für eine solche Gesetzesänderung werden wir jetzt keine Mehrheit bekommen. Was definitiv schon getan werden könnte, ist das Verbot von Tierversuchen und Investitionen in die Suche nach Alternativen. Zudem könnte man das Tiertransportgesetz verändern, und Subventionen abbauen, die tierproduzierende Betriebe und Schlachthöfe erhalten. Für das Ende dieser Entwicklung wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der auch ein Tier ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit hat.

 

Autor

INTERVIEW: NINA RYSCHAWY

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