Das Rascheln als Prinzip

Matthias Heße, Elisa Reining, Emily Klinge, Patrick Dollas und Roman Mucha, Foto: Jakob Studnar

Das Rascheln als Prinzip

Ulrich Greb inszeniert im Moerser Einkaufzentrum Kafkas „Process“

Wenn die Lüge zur Wahrheit gequetscht wird haben sich vereinbarten Regeln längst verändert. In China, USA, selbst in Teilen Europas versuchen selbsternannte Staatsführer und deren Chef-Ideologen das jeweilige Volk wieder in mächtige Abhängigkeiten zu pressen. Der neue Paragraf 28a des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) könnte dafür auch in Deutschland bereits ein Vorbote sein. Auch Josef K., der am Morgen seines 30. Geburtstages aus dem Bett heraus verhaftet wird, kann sich das Procedere gar nicht erklären, aufgrund dessen er ins Gefängnis geworfen und hier und da hochnotpeinlich verhört wird, ohne einen konkreten Vorwurf zu kennen. Eine epidemische Lage von nationaler Tragweite war es jedenfalls nicht.

Eine Viertelmillion Blatt Papier

Ulrich Greb inszeniert Kafkas unvollendeten und erst posthum erschienenen Roman nicht auf seiner Theaterbühne im Schloss, sondern in einerehemaligen „Fashion-Boutique“ im ziemlich abgewrackten Moerser Wallzentrum. Das hat natürlich seinen ganz eigenen Reiz, weil dort die Trennung zwischen Bühne und Zuschauern so ziemlich aufgehoben ist, und das ausgerechnet in Pandemiezeiten. In Grebs Regiearbeit wird das Rascheln zum Prinzip gemacht, Bühnenbildnerin Birgit Angele hat einen Berg aus rund einer Viertelmillion Blatt Papier geknüllt und geschichtet, hier reihen sich die Szenen, ohne dass das Volumen nennenswert geschmälert wird. Zu Beginn sitzen die Zuschauer um diesen zerfledderten Aktenscheiterhaufen, der im Laufe des Spiels immer bedrohlicher näher kommt. Die Protagonisten graben sich Szene für Szene aus dem Haufen, schaufeln zusätzliche Höhen oder versinken in Gerichtsnoten und Antragsschreiben.

Die Lüge zur Weltordnung gemacht

Wie immer stützt sich auch die Choreografie in Moers auf das überaus spielfreudige Ensemble ohne Angst vor temporärer Atemnot und zunehmender Rutschgefahr. Das hochnotpeinliche Geschehen um Josef K. mit zwischenzeitlichen Optionen für ihn zwischen scheinbarem Freispruch und ewiger Verschleppung findet bei Greb im installativen schneeweißen Kunstraum statt, der weder Ort noch Zeit kennt und ihn damit zeitgenössisch brandgefährlich werden lässt. Verstärkt werden diese Momente durch Kunstwesen, die aus den Papierbergen entstehen, die Realität und Wahrheit hinterfragen und an und an die Spielebenen von Puppenspieler und Puppe (wiedervom belgischen Puppenspieler Joost van den Branden)vermischen: Titorelli als Fabelwesen und ein Kampf um die letzte Windel: Die Skurrilität nimmt zu, das Absurde wird erhöht und auch damit „die Lüge zur Weltordnung gemacht“. Wir wissen, dass das längst nicht erst mit alternativen Wahrheiten eines abgehalfterten Präsi begann und dass der Alptraum noch lange nicht vollendet ist. Josef K. versucht tapfer die Situation zu beherrschen und Jammern durch Analyse der Gefüge zu ersetzen, doch die haben sich längst vom Verstand entfernt, Procedere und Urteil wird nicht geoutet:Am Tag vor seinem 31. Geburtstag wird er abgeholt und in einem Steinbruch vor der Stadt hingerichtet. Da zittern selbst die Papierschnipsel.

Der Process | R: Ulrich Greb | Termine nach Ankündigung | Wallzentrum (Fashion Boutique) Moers | 02841 883 41 10

Autor

PETER ORTMANN

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