„Das Ende ist offen“

Roland Mönig, Foto: © Stadt Wuppertal | Medienzentrum

„Das Ende ist offen“

Von der Heydt-Direktor Roland Mönig über „Visionen und Schrecken der Moderne“

engels: Herr Mönig, ich zitiere mal Friedrich Engels: „Eine bessere Vision der Moderne kann erst entstehen, wenn die Schrecken der kapitalistischen Gesellschaft erkannt werden.“ Findet diese Erkenntnis eigentlich immer nur im Museum statt?

Dr. Roland Mönig: Ich glaube, dass das Kunstmuseum vor allen Dingen ein Ort ist, an dem diese Fragen und Probleme, die Engels schon vor rund 200 Jahren aufgeworfen hat, besonders plastisch erfahrbar werden können. Wenn diese einem dann in Skulpturen, in Bildern, in Werken der Kunst leibhaftig gegenübertreten, dann setzt man sich ganz anders damit auseinander als mit einer wissenschaftlichen Analyse in einem trockenen Text. Ich glaube, das spürt man auch insbesondere in der Ausstellung, die einen an manchen Stellen durchaus betroffen macht, die einen zum Nachdenken bringt, über das, was wir alles in Kauf genommen haben: im Zeichen der Moderne, im Zeichen der Industrialisierung. Die aber auch immer wieder zeigt, welche Faszination dahintersteckt – ein Zwiespalt, den man wohl nirgendwo so schön wie in der Kunst sehen kann.

Zur Person:
Roland Mönig
(54) ist seit April Museumsdirektor im Von der Heydt-Museum. Er studierte Kunstgeschichte, Alt- und Neugermanistik und promovierte 1994 mit einer Arbeit über Franz Marc und Georg Trakl. Er war kommissarischer Leiter des Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung und ab 2013 Direktor des Saarlandmuseums und des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Saarbrücken, sowie Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Foto:© Stadt Wuppertal | Medienzentrum

Werden die Besucher das anhand der Arbeiten sehen können?

Das Spektrum dieser Ausstellung ist riesig. Der Anfang ist klassisch – da sieht man die Leute, von denen die Industrialisierung und Modernisierung ausgeht. Wer stößt das an, wer bezahlt das und wer profitiert in erster Linie auch davon? Die Porträts der frühen Bürger, Kaufleute und Industriellen. Auf der anderen Seite endet es mit zeitgenössischen Künstlern, die alle Konventionen und auch Genres sprengen. Aber zuerst sind da die Menschen, die sich gegen die ersten Schübe der Industrialisierung wehren müssen, als die Arbeitsprozesse vom Handwerklichen ins Maschinelle übergehen. Und das sind dann vor allen Dingen ab den 1910er, 1920er Jahren auch die Opfer des ersten industriellen Weltkriegs, denen man da begegnet. Da spürt man sehr viel von den Ängsten, von den Nöten. Der Beginn des 20. Jahrhunderts erscheint in einer Art Brennglas. Und dann sind da die Künstler, die die Not am eindringlichsten schildern, die Expressionisten in den 20er, 30er Jahren, aber auch diejenigen, die die tollsten Visionen damit verbinden, was die Moderne bringen kann.

Es ist nicht nur Horror – es ist immer auch Chance“

Aber bleibt als Vision für Zukunft nicht immer nur der technische Fortschritt, bis heute hin zum Transhumanismus?

Viele Künstler begeistern sich am rein Technischen. Die finden toll, wie die Technik neue Formen der Bewegung erschließt, neue Räume eröffnet. Wie sie brutal auch Gesetze der Natur bricht. Das ist eine große Faszination. Aber viele arbeiten gleichzeitig an einem neuen Menschenbild. Es geht auch darum zu verstehen, ob der Mensch, wenn die Technik ihn befreit, neu gedacht werden muss. Es ist nicht nur Horror – es ist immer auch Chance.

Kann man diesen technischen Fortschritt auch an den künstlerischen Techniken wahrnehmen?

Ja, ganz entschieden, auch die neuen Techniken selbst faszinieren die Künstler. Nicht nur, dass es aufgrund der Modernisierung in der Malerei neue Farben gibt und neue Bildgründe, am deutlichsten sieht man es am Aufkommen der Fotografie. Die Fotografie ist ein eigenes Kapitel in der Ausstellung, sie ist das technische Medium schlechthin. In der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden, aber dann mit einem beispielhaften Aufstieg in den 10er, 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Da werden formal und nicht nur inhaltlich neue Wege eingeschlagen.

Lobpreiset den Kapitalismus: Heinrich Kley, Die Kruppschen Teufel, 1912/13, LWL-Industriemuseum, Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur, Dortmund

„Am Ende wird eigentlich deutlich, wie viel von den fast 200 Jahre alten Befunden von Engels heute noch gültig sind“

Welche Dramaturgie begleitet die Ausstellung?

Die Ausstellung ist wie eine kleine Zeitreise gebaut. Sie beginnt in den 1820er Jahren, das ist die Zeit in der Engels geboren wird und hier in Wuppertal aufwächst, und sie reicht bis in die Gegenwart. Sie tut das anhand der enormen Bestände unserer eigenen Sammlung und sie tut das natürlich exemplarisch. Man kann unendlich viel erzählen über diese 200 Jahre. Wir konzentrieren uns ausgehend von der eigenen Sammlung auf das, was vor allen Dingen in Deutschland passiert, stellen immer wieder Bezüge her zu dem, was speziell in Wuppertal und im Rheinland passiert, weil das der ursprüngliche Lebensmittelpunkt von Engels war und weil von hier aus auch ein großer industrieller Impuls ausging. Das Ende ist offen. Kein Resümee, mit dem man am Ende glücklich und zufrieden sein könnte. Ganz im Gegenteil. Am Ende wird eigentlich deutlich, wie viel von den fast 200 Jahre alten Befunden von Engels heute noch gültig sind und es wird auch deutlich, wie viele dieser Befunde wir noch vor uns haben, abarbeiten müssen. Da sind wir leider noch nicht richtig vorangegangen.

Vision und Schrecken der Moderne – Industrie und künstlerischer Aufbruch | Eröffnung nach Ankündigung | Von der Heydt-Museum Wuppertal | 0202 563 62 31

Interview:

PETER ORTMANN

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