„Chöre sind wunderbare Musikvermittler“

Nicolas Fink, Foto: Marco Kitzing

„Chöre sind wunderbare Musikvermittler“

Chefdirigent Nicolas Fink über den WDR Rundfunkchor

choices: Herr Fink, sind Sie gut beim WDR Rundfunkchor angekommen, wenn man das aktuell so sagen kann?

Nicolas Fink: Die Umstände sind natürlich ganz anders als ursprünglich gedacht und geplant. Die aktuelle Situation ist schon außergewöhnlich. Da ist es natürlich gut, dass ich als Gastdirigent den Chor schon seit circa zehn Jahren kenne. Somit gibt es schon eine gewisse Vertrautheit auf beiden Seiten, was in der aktuellen Situation natürlich sehr gut ist und es leichter macht.

Welche Stationen als Chorleiter gab es vorher bei Ihnen?

In den letzten Jahren war ich freiberuflich unterwegs und habe mit verschiedenen Chören in Europa gearbeitet. Außerdem bin ich Chordirektor des Schleswig-Holstein Musik Festival, was natürlich eine saisonale Sache ist. Darüber hinaus bin ich Künstlerischer Leiter des Schweizer Jugendchores. Diese Stelle ist meine erste feste Stelle seit einigen Jahren. Ausschlaggebend hierfür war die Attraktivität der Stelle – es ist toll und etwas Besonderes, so intensiv mit einem Ensemble arbeiten zu können.

Zur Person:
Nicolas Fink
(geb. 1978 in Bern) war von 2010 bis 2015 beim Berliner Rundfunkchor und danach freiberuflich tätig, u.a. beim Schleswig Holstein Musik Festival und als Leiter des Schweizer Jugendchores. Seit der neuen Spielzeit ist er der Chef des WDR Rundfunkchores. Foto: Marco Kitzing

Die Sängerinnen und Sänger sind schlicht fantastisch“

Was zeichnet in Ihren Augen den WDR Rundfunkchor aus?

Es sind einfach die Sängerinnen und Sänger, die schlicht fantastisch sind. Das technische Material, das hier vorhanden ist und auf das ich zurückgreifen kann, erlaubt eine große stilistische Bandbreite. Corona hat aber auch gezeigt und uns noch mal vor Augen geführt, wie besonders ein solches Ensemble ist und welch ein Glück es ist, als Chor arbeiten und auftreten zu dürfen. Das hat uns noch einmal mehr gezeigt, dass es auch unsere Aufgabe ist, uns für den Chorgesang einzusetzen und das gerade auch in den Zeiten der negativen Schlagzeilen, in denen Chorsingen als hochgefährliches Hobby bezeichnet wird. Aber man spürt, dass die Menschen regelrecht auf Entzug sind – sowohl Sängerinnen und Sänger als auch das Publikum. Ich engagiere mich zwar auch stark für digitale Möglichkeiten, um Musik zu vermitteln, aber es ist ganz klar, dass es die Live-Konzerte braucht.

Die klassischen Chorkonzerte sind meiner Erfahrung nach nicht unbedingt Publikumsmagneten. Welche Ideen und Ansätze haben Sie, um Chormusik wieder populärer zu machen?

Ich glaube, dass immer noch sehr unterschätzt wird, wie beliebt Chormusik und das Singen im Chor in Deutschland sind. Gerade hier gibt es eine riesige Chor-Tradition. Ich kenne kein anderes Land, das allein sieben Rundfunkchöre hat – von den zahllosen Laienchören will ich gar nicht reden. Die Chorszene ist eine wirklich große Community, die in den letzten Jahren auch begonnen hat sich mehr und mehr zu vernetzen. Man wächst in letzter Zeit zusammen. Insofern würde ich eigentlich sagen, dass das Chorsingen eher im Kommen denn im Verschwinden ist. Wichtiger geworden ist in den letzten Jahren ganz klar die Vermittlerrolle, die Chöre inzwischen zunehmend einnehmen. Chöre sind wunderbare Musikvermittler, denn sie haben ihr Instrument bei sich, und gerade das gemeinsame Singen ist etwas, womit man andere Menschen – nicht nur Kinder – packen kann. Und wenn man mal über seine eigenen Anfänge in der Musik nachdenkt, so hängt eine spätere Begeisterung für Musik nicht selten damit zusammen, welche Grundlage bereits in der Schulzeit im Chor gelegt wurde. Das wird sich bei uns auch darin widerspiegeln, dass es wieder ein Kinderkonzert mit dem Opern-Dackl und dem WDR Rundfunkchor geben wird.

WDR Rundfunkchor in St. Peter mit Nicolas Fink, Foto: WDR

„Für mich hat die Sicherheit der Sängerinnen und Sänger natürlich oberste Priorität“

Auf die Gefahr hin, dass diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer zu beantworten sein wird, aber wie sehen denn Ihre Pläne und Ideen für die Zukunft des WDR Rundfunkchores aus? Vielleicht sowohl auf kurze Sicht als auch etwas langfristiger?

Das ist in der Tat eine Frage, die sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum beantworten lässt. Man hat ja immer das Gefühl, dass sich täglich etwas ändert. In den letzten Wochen haben wir in Kleingruppen gearbeitet, was wir voraussichtlich auf diese Art auch noch eine Weile fortsetzen werden. Für mich hat da die Sicherheit der Sängerinnen und Sänger natürlich oberste Priorität. Daraus ergibt sich für mich wiederum die Frage, was man in diesen kleinen Besetzungen machen kann. Und so gesehen muss ich sagen, dass Corona den positiven Effekt hat, dass man sich auf einmal mit ganz anderem Repertoire auseinandersetzen muss. Für mein Antrittskonzert beispielsweise war eigentlich ein Werk von Aaron Copland vorgesehen, das so aber nicht umzusetzen war. So bin ich auf ein Barockprogramm für 16 Sänger ausgewichen. Langfristig möchte ich gerne das romantische Repertoire wieder etwas beleben, denn hier liegt auch die Tradition des Chores. Das heißt nicht, dass ich Museumspflege betreiben will – ich kann mir auch sehr gut vorstellen, romantisches Repertoire mal in ganz andere Kontexte zu stellen und sie daher mal ganz anders zu präsentieren.

2.11. 19 Uhr: Sing Mit! Monteverdi (Livestream ohne Publikum) | 9.12. 13 Uhr: Musik am Mittag (Minoritenkirche) | 18.12. 13 Uhr: WDR 3 Lunchkonzert (Funkhaus)

INTERVIEW:

VERENA DÜREN

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