Burg Linn setzt auf Hochkultur

Sensibler Artist am Klavier: Michael Wollny, Foto: Jörg Steinmetz

Burg Linn setzt auf Hochkultur

Picknick mit improvisierter Musik

Zu Pfingsten versammeln sich hunderte von Handwerkern zum mittlerweile berühmten Flachsmarkt an der Burg Linn. Der Park ist so gelungen, dass er bereits in die „Straße der Gartenkunst zwischen Rhein und Maas“ angebunden wurde. Die zentral gelegene Ruine erhielt erst in den 1980ern ein neues Dach – immerhin war da die Ursprungsanlage bereits rund 1000 Jahre alt.

Unabhängig von dem Dach zog vor über dreißig Jahren auch ein Open-Air-Festival auf das Gelände, das in viel kleinerer Form an die ganz frühen Tage von Moers erinnert: Eine Plane schützt die Gäste bei schlechtem Wetter, ansonsten räkeln sie sich gern auf dem grünen Rasen, versorgen sich an den „Fressbuden“. Es gibt 400 Sitzplätze, der Rest muss improvisieren. Wie die Musiker auf der Bühne. Drei Bands gestalten den Sommerabend, darunter in diesem Jahr ein ganz hochkarätiger Pianist: Michael Wollny präsentiert sein langjähriges Trio, mit dem er erst kürzlich in Berlin die Feierlichkeiten zu „100 Jahre Bauhaus“ eröffnen durfte. Bei Burg Linn darf er etwas weiter zurück in die Musikgeschichte greifen. Denn Konzepte bieten dem außergewöhnlich breit aufgestellten Musiker den Nährboden.

Die Band benutzt sogar klassische Bezüge, auch das macht die Klasse des Trios aus: Offenheit in Zeit und Raum. Besonders Wollny hat es ganz plakativ technisch in der Hand, nach zartester „Jazzromantik“ und fetzigem Swing auch ganz solide in den Weihen eines barocken Kontrapunkts zu verweilen. Da kann es auch eine Komposition von Paul Hindemith treffen, die im Trio in die Welt des modernen Jazz von Swing mit melodischen Akzenten bis Free überführt wird. Oder es erklingt sphärische Space-Musik aus riesigen Tonschichtungen, das Quartett fistelt in höchsten Lagen auf den Instrumenten, Christian Weber taucht ab zu den unterliegenden Höhen des Kontrabasses, und Drummer Eric Schäfer lässt die Becken singen. Die Musiker warfen sich derart begeistert in die schnell wechselnden Aggregatszustände einer sehr kunstvollen Musik, dass sie ihr Publikum locker mitnahmen.

Zuvor starten die Jungs von „Cheop“ in freier Improvisation, hier trifft Guru Tobi Lessnow u.a. auf den Moers-Festivalchef Tim Isfort am Bass. Und Adam Baldych gastiert mit seinem aktuellen polnischen Quartett. Der Meistergeiger erfreut mit Meditativem bis Rock: höfisches Instrument im zeitgemäßen Gebrauch.

Jazz an einem Sommerabend. 35. Internationales Festival | Sa 6.7. 18.30 Uhr | Burg Linn, Krefeld | www.jazz-an-einem-sommerabend.de

Autor

OLAF WEIDEN

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