Bunt ist oft nicht unpolitisch

Hans Op de Beeck, Vanitas XL,2021, © Courtesy of the artist, Foto: Ela Bialkowska, OKNO Studio

Bunt ist oft nicht unpolitisch

„Farbe ist Programm (Teil 1)“ in der BKH Bonn

Wer heute in die Glotze starrt oder ein paar Filmchen streamt, der macht sich sicher keine Gedanken, wie viel beim Genuss der laufenden Bilder von ihrer jeweiligen Farbe und den dazugehörenden Farbwerten abhängt. Farbe als dramaturgisches Mittel wurde mit Celluloid erst richtig gesellschaftswichtig, ihre Wahl beeinflusst Stimmungen und kann Räume emotional auf- und abwerten. Kein Wunder also, dass Willy Brandts Druck auf den roten Startknopf des Farbfernsehens während der Internationalen Funkausstellung 1967 in Berlin der quasi Eyecatcher eines künstlerischen Blicks in Bonn auf die Farbe an sich geworden ist.Die Bundeskunsthalle zeigt dort in ihrer Ausstellung „Farbe ist Programm (Teil 1)“ eine Sammelausstellung, deren Exponate von allen Kuratoren des Museums (acht) ausgewählt wurde. Pfiffigerweise gibt es den umfangreichen Katalog dazu in Form eines informativen Farbtonfächers.

Aber Farbe muss nicht immer bunt heißen, monochrome Werke wie das Vanitas Motiv (da muss immer ein Totenschädel dabei sein) von Hans Op deBeek (Installation Vanitas XL, Polyester und Metall, 2021) gehen da noch einen Schritt weiter und lassen durch schnödes Grau Abwesenheit von Vielfalt generieren. Ähnlich monochrom, aber in eine ganz andere Richtung ist der „Ruheraum“ von La Monte Young, Marian Zazeela und Jung Hee Choi. Aus Licht, Farbe und Klang (sagen wir besser Sinustöne) wird hier ein immersives Gesamtbild in die anwesenden Körper suggeriert. Das monochrome Magenta, im Liturgischen steht das ausgerechnet für Buße, und dazu die Wellen der Töne sollte man mögen, aber dann entstehen dabei sonderbare Erlebnisse.

Rund vier Dutzend Künstler durch einhundert Jahre Kunstgeschichte kann der Besucher durchschauen. Manchmal wird die bunte Masse viel, insbesondere wenn mit reinen Farbwerten gearbeitet wird, aber der historische Abriss von der Moderne, wie Avantgarde-Göttin Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) mit ihrer Aubette Bar von 1927 über Judy Chicagos Rauchbomben (Women and Smoke, 1971–72) bis hin zu zeitgenössischen politischen Arbeiten von Gardar Eide Einarsson, der beispielsweise mit Lichtmasten Macht und staatliche Einflussnahme hinterfragt, ist extrem informativ. Also viel Farbenlehre jenseits von Itten und Goethe, obwohl ein gewisser Steiner auch vertreten ist.

Farbe ist Programm (Teil 1) | bis 7.8. | Bundeskunsthalle Bonn | 0228 917 12 00

Autor

Peter Ortmann

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