Büchner im Dark Web

„Leonce und Lena“ Foto: Joachim Schmitz

Büchner im Dark Web

„Leonce und Lena“ in Mülheim

Interaktiv und laut beginnt das File. Fabio Menéndez als wüster Leonce mischt erst einmal das Publikum auf, bevor er sich dem Performativen widmet – und dem Alkohol und dem Pornovideo und der Liebe – oder doch lieber Rosetta (sehr präzise und großartig: Simone Thoma) als Pornovideo. Nee, Internet ist scheiße, selbst wenn Philipp Preuss Büchners „Leonce und Lena“ brutal ins Darkweb versetzt, beim Beamen hat sich Diener Valerio in vier Entitäten gespalten, einer komischer als der andere, und sie nerven, als Hofstaat, als Berater, als Diener sowieso und selbst als Avatare mit schlohweißen Perücken sind sie kaum zu gebrauchen, Menéndez muss also auch noch der König sein, mit doppeltem Text, kein Wunder, dass er sich da schon mal mittendrin bei der Regie beschwert. Vergeblich, dies ist ein digitales Versuchslabor und kein Kasperletheater, hier gewinnt die Kunst gegen die Leichtigkeit des Seins, denn das ist alles sowieso nur Blendwerk. Der Mensch funktioniert immer als Automat, online, live, in Realität im Theater, als Pipi hier oder Popo da, machen wir uns nix vor, auch einem Mark Zuckerberg sei Dank hier an dieser Stelle, für den dümmlichen Verkauf einer ganzen Menschheit.

„Baby, do you understand me now, sometimes I feel a little mad“.Genau so müssen sich die Schauspieler fühlen. Preuss lässt Büchner dafür eine Metamorphose durchlaufen. „Oh Lord, please don‘t let me be misunderstood“, das Animal-Dauerzitat ist auch für niemanden eine Lösung. Auch nicht als Fingerschnipp-Loop. Weder für Leonce oder Lena. Und irgendwann als Zitat: dass ich es gar nicht bin, der redet. Leonce fühlt, dass irgendwas nicht stimmt, doch die Soufflage hilft wieder auf die Beine, dabei hat er gar nicht gesprochen, sondern eine Stimme aus dem Off.

Dann trifft er auf Gabriella Weber als flippige Lena. Hier tritt auch ein neues eiskaltes Händchen auf den Plan, eine weiße Cursor-Hand, die Gouvernanten-Avatare (Gouvernante auch Simone Thoma) zum lustvollen Stöhnen bringt und Lena penetrant ablenkt von dem, was sie will oder nicht. Niemals heiraten, außer vielleicht diesen Automaten-Alkie da vorne. Was soll nur aus ihnen werden?

„Leonce und Lena“ | R: Philipp Preuss | So 9.10. 18 Uhr, Fr 21.10., Do 27.10. je 19.30 Uhr | Theater an der Ruhr, Mülheim | 0208 599 01 88

Autor

PETER ORTMANN

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