Böse die Glocken mal klingen

„Pinocchio Sanchez“, Foto: Krischan Ahlborn

Böse die Glocken mal klingen

Nicht gerade Besinnliches zur Weihnachtszeit, aber Kult – Prolog 12/15

Da ist sie wieder, diese merkwürdig heimelige Zeit, die für alle immer früher beginnt und doch für Erwachsene immer schneller zu Ende geht. Alles ist erleuchtet. So lautet auch der Titel des Romans (2002) des jungen jüdisch-amerikanischen Kult-Schriftstellers Jonathan Safran Foer, dessen Geschichte zur Adventzeit im Essener Grillo-Theater gespielt wird: Foer macht sich darin in der Ukraine auf die Suche nach der Frau, die seinen Großvater 1942 vor den Nazis gerettet haben soll. Als Dolmetscher engagiert er den Ukrainer und Nachwuchs-Romancier Alex.

Dummerweise entstammen dessen „erstklassige“ Englischkenntnisse doch eher dem Selbststudium und nicht zuletzt seiner Liebe zur amerikanischen Popkultur. Als Chauffeur fungiert dessen Großvater, nach eigener Auskunft blind und ganz offenbar völlig orientierungslos. Die abenteuerliche Reise des ungleichen Trios führt sie quer durch die Ukraine und in so manche absurde Situation. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Angesichts der mittlerweile veränderten politischen Situation im Land hat das Stück einen ganz besonderen, eigentlich nicht beabsichtigten Subtext.

Den besonderen Subtext hat auch das Kinderstück für Erwachsene im Forum Freies Theater in Düsseldorf. Oder wollten Sie nicht auch einmal wissen, wie Carlo Collodi eigentlich seinen hölzernen „Pinocchio“ gefunden hat. Das Düsseldorfer Kult-Duo half past selber schuld hat da nämlich seine ganz eigene Theorie. In einer Mischung aus Mocumentary und Splatter-Movie erzählen sie in ihrem „Pinocchio Sanchez“ von einem Kriegsveteranen mit hölzernen Prothesen. Auch nicht schlecht, vielleicht mal für eine Weihnachtsfeier von Rheinmetall in der Vorweihnachtszeit. Ein schauriger Bühnencomic mit selbstgebauten Puppen, animierten Requisiten und einem beeindruckenden Soundtrack? Da können die ollen Kriegsausstatter doch auch mal gequält lächeln.

Wen das bereits alles überfordert, dem empfehlen wir eben die Premiere von „Das Maschinengewehr Gottes“ in Dortmund. Das ist eine Kriminal-Burleske aus dem Messdienermilieu von Kult-Regisseur Wenzel Storch. Es spielt in den wilden 60ern, als die katholischen Kirchendiener noch heilig waren, obwohl da bereits der Glorienschein viele, viele Flecken hatte. Egal. Die Messdiener Heiner und Lutz leben mit Egon, ihrem Oberministranten, in einem alten Pfarrhaus. Der Garten ist verwildert und die Kirche nur noch ein Trümmerhaufen. Kaplan Buffo ist spurlos verschwunden. Also wird beim Christlichen Kaufhaus ein neuer Priester bestellt, der im Herbst/Winter-Katalog als besonders preiswert angeboten wird. Sein vielversprechender Name: Das Maschinengewehr Gottes. Dumm nur, dass das wohl eher ein anarchischer Roboter-Seelsorger aus Oberschlesien mit Hang zum Amoklauf ist. Wir wünschen jedenfalls einen frohen Advent.

„Alles ist erleuchtet“ | 19.12., 24.1. 19 Uhr | Grillo-Theater Essen | 0201 812 26 00
„Pinocchio Sanchez“ | 4., 5., 11., 12.12. 20 Uhr | FFT Düsseldorf | 0211 87 67 87 18
„Das Maschinengewehr Gottes“ | 10., 11., 17., 27.12. 20 Uhr | Studio Theater Dortmund
0231 502 72 22

Autor

PETER ORTMANN

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