„Beobachten und Reagieren auf Realität“

Christin Müller, Foto: privat

„Beobachten und Reagieren auf Realität“

Christin Müller über die Dokumentarfotografie-Ausstellungin Essen

Das Museum Folkwang zeigt die Preisträger des 13. Förderpreises der Wüstenrot Stiftung. Kuratorin Christin Müller kennt das Spannungsfeld, in dem sich die Dokumentarfotografie heute befindet.

trailer: Frau Müller, verliert die Dokumentarfotografie im Digitalen langsam ihre Bezüge zur Realität?

Christin Müller: Nein, das ist nicht so. Die Bezüge verändern sich mit der Erweiterung der technischen Möglichkeiten und der Geschwindigkeit, mit der Bilder schneller zu ihren Auftraggebern geraten, wenn man an den journalistischen Bereich denkt. Im künstlerischen Bereich erweitert sich das Spielfeld der Fotografie und natürlich wird die Auseinandersetzung darüber, was Dokumentarfotografie sein kann, weitaus umfangreicher geführt. Wenn man sich die Geschichte der Dokumentarfotografie Förderpreise anschaut, sieht man wie die Arbeitsweise immer breiter geworden ist, also vom gerahmten Einzelbild oder Serie hin zu installativeren Arbeiten. Außerdem hat sich die Rolle der Fotografin oder des Fotografen verändert. Wir bekommen diesen Zweifel an neuen Formen des Dokumentarischen manchmal vom Publikum oder der Presse gespiegelt und ich merke im Austausch mit Kolleg:innen und Künstler:innen, dass hinterfragt wird, ob Arbeiten noch dokumentarisch sind. Man gerät viel mehr darüber ins Gespräch, was eigentlich dokumentarisch und wo der Bezug zur Realität noch vorhanden ist. Das wird heute viel stärker in Frage gestellt.

Zur Person:
Christin Müller
hat Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim studiert und war Stipendiatin im Programm Museumskuratoren für Fotografie im Museum Folkwang Essen mit weiteren Stationen in Dresden, München und Paris. Heute arbeitet sie unter anderem als freie Kuratorin und Autorin für Fotografie.
Foto: privat

Ist die Extraktion fremder Inhalte das Zauberwort der aktuellen Dokumentarfotografie?

Eines der Zaubermittel würde ich sagen. Wir hatten in der vergangenen Preisträger-Runde 12 mit Jens Klein einen Künstler dabei, der mit gefundenen Fotografien arbeitet, die aus dem STASI Unterlagen-Archiv stammen. Er hat diese neu geordnet und einen visuellen Essay über eine Flucht geschaffen. In der aktuellen Runde ist spannend, dass zwei Künstlerinnen, Sabrina Asche und Luise Marchand, die eigene Rolle als Bildautorin sehr stark befragen. Sabrina Asche zeigt eine Arbeit über Textilarbeiterinnen in Bangladesch. Sie kreuzt dort nicht nur als fremde, beobachtende Person auf, sondern entscheidender Teil der Arbeit ist, dass sie den Arbeiterinnen Kameras in die Hand gegeben hat. Diese haben selbst fotografiert und anschließend hat die sie mit diesen darüber gesprochen. Diese Gespräche fanden Eingang in eine Videoarbeit, zusammen mit den Fotografien die die Frauen gemacht haben. Luise Marchand beschäftigt sich mit den neuen Arbeitswelten und der veränderten Rolle des Arbeitens. Sie hat sich für ihre Videoinstallation „From Me to We“selbst auf Stellen beworben, in denen die Idee des New Work praktiziert wird.

Was zeichnet die aktuellen Preisträger aus technischer Sicht aus?

Die Runde ist wahnsinnig divers in der Nutzung des Mediums. Die beiden erwähnten Künstlerinnen Sabrina Asche und Luise Marchand machen jeweils eine recht umfassende Rauminstallation. Sabrina Asche hat die Fotos einerseits in ein Video eingearbeitet, andererseits sind sie mit Siebdruck auf Stoffe gedruckt, einem eher ungewöhnlichen Träger für Fotografie. Luise Marchand entwickelt ihre Rauminstallation, in der wir uns als Besucher:innen auf ein großes Podest legen müssen und erst dann läuft der Foto-Film. Wir müssen uns also erst einbringen und können dann in die Arbeit eintauchen. Heiko Schäfer arbeitet für sein Projekt „Disziplinierte Produktion“ an sich klassisch mit Schwarzweiß-Großformatfotografie. Er möchte für die Präsentation der Prints das Verfahren der Nachkaschierung verwenden. Was früher, in den 1950er/60er-Jahren, nicht ungewöhnlich war, ist heute schwierig zu handhaben. Er macht das jetzt letztlich mit einem eigenen professionellen Printer, weil das die großen Labore nicht machen wollen. Wenzel Stählin hat für seine Arbeit „Konstruktionen. Vorschlag für eine Recherche“ Inkjet-Prints gemacht, die ungerahmt auf den Wänden hängen werden, in technischer Hinsicht vielleicht das Üblichste, was man aktuell sehen kann. Er denkt aber sehr für den Raum und gibt diesen Bildern mit einem Fotofilm und einer Audioinstallation einen Resonanzraum. Das Mitdenken des Raums ist in den letzten Jahren ein sehr wichtiger Bestandteil der Projekte geworden, kaum einer überlässt seine Prints einfach nur den Kurator:innen.

Wird dann das eigentliche Objekt der Fotografie also häufig von Kunstaspekten überlagert/ transzendiert?

Ich glaube, das kommt stark auf den Kontext an. Wenn man die Projekte der Künstler und Künstlerinnen sieht, die mit Fotografie arbeiten, dann wahrscheinlich schon. Sie haben alle an einer Kunsthochschule studiert, die aktuellen Preisträger:innen etwa in Düsseldorf, Leipzig und Kassel. Sie haben die Sozialisierung einer Kunsthochschule und nicht die einer bildjournalistischen Ausbildung. Nichtsdestotrotz ist der Kontext der Bilder wahnsinnig wichtig. Was verändert sich an der Wahrnehmung der Bilder im Kunstkontext, durch den Blick durch die Filterblase der Kunst? Wenn ich in ein Museum gehe, habe ich eine andere Erwartungshaltung, als wenn ich eine Tageszeitung aufschlage oder eine Website besuche. Ich finde, das ist auch das Interessante an der Fotografie, dass sie in den verschiedenen Kontexten unterschiedlich gelesen wird. Aber auch wenn Kunstaspekte eine wichtige Rolle spielen, ist es für den Förderpreis und den Zugriff der Dokumentarfotografie generell wichtig, dass es in irgendeiner Weise realitätsbezogene Studien sind. Es geht um das Beobachten und Reagieren auf Realität, wenn das nicht gegeben ist, kann man den Begriff des Dokumentarischen nicht mehr verwenden.

Aber man muss es trotzdem trennen von journalistischer Berichterstattung?

Ja, auf jeden Fall. Zumindest von dem klassischen Verständnis der Dokumentarform. In manchen überregionalen Medien oder beispielsweise dem ZEIT Magazin kommen durchaus auch andere Formen der visuellen Berichterstattung vor. Aber die journalistische Berichterstattung ist immer an ein Ereignis geknüpft. Die künstlerische Auseinandersetzung findet in der Regel langfristiger statt und heutzutage deutlich experimenteller und vielperspektivischer, was auch die Erweiterung des Materials mit sich bringt. Es gibt heute auch ein größeres Selbstbewusstsein und Selbstverständnis, Dokumentarfotografie auch im Museum zu zeigen, was ganz andere Möglichkeiten mit sich bringt.

Letzte Frage: Wann wird die erste künstliche Intelligenz diesen Förderpreis gewinnen?

Ich denke, es wird auf absehbare Zeit nicht passieren. Der Förderpreis geht ja an eine Absolventin oder einen Absolventen, um deren künstlerische Laufbahn nach Abschluss des Studiums zu fördern und mit diesen in einen Dialog über Formen des Dokumentarischen zu treten. Eine Möglichkeit wäre vielleicht, das Künstler:innen die künstliche Intelligenz für ihre Projekte arbeiten lassen.

Dokumentarfotografie | 11.3. – 29.5. | Museum Folkwang, Essen | 0201 884 50 00

Interview:

Peter Ortmann

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