Beharrliche Zerbrechlichkeit

Es regnet penetrant Gold auf die Szenerie der schiefen Ebene, Foto: Arno Declair

Beharrliche Zerbrechlichkeit

Roger Vontobel inszeniert in Bochum Hauptmanns „Rose Bernd“ – Auftritt 11/15

Wenn sich der Eiserne hebt und den Blick auf ein goldenes Land freigibt, dann hat die Welt darum bereits verloren. Nichts befindet sich mehr dort. Nichts was Erinnerung löst oder Zukunft generiert. Wenn es auch Gold vom Himmel regnet, diese beweglichen Formen vor uns werden es nicht erlangen, wie sich auch strecken oder darin ertrinken. Roger Vontobel inszeniert im Bochumer Schauspielhaus Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“, es wird das Drama eines zerbrechlichen Engels, der seiner Flügel beraubt nach nichts anderem mehr strebt als einer Hintertür ins Paradies. Doch diese existiert im Bühnenbild von Claudia Rohner natürlich nicht.

Alles beginnt in delikater Zweisamkeit, die Rose jäh beendet. Das verführerische Verhältnis zum reichen Christoph Flamm (Olaf Johannessen) muss zu Ende sein, will sie ihr Leben in geordnete Bahnen lenken. „Ich weiß was ich will“, sagt Jana Schulz mit wenig Energie in der Stimme und dann auch noch mit schlesischem Dialekt, kein Wunder, dass niemand sie hört, obwohl die Worte alle erreichen. Schulz agiert grandios im Nichtraum mit der schiefen Ebene. Doch hier wird nicht der Kraftaufwand zur Höhenveränderung einer Masse verringert, hier wird gleich die Welt an sich reduziert und sie ist aus der Bahn geworfen. Vontobel entledigt sich dabei auch der historischen Entstehungszeit, dieser Melange aus Hauptmannscher Regieanweisung mit Milieubühnenbild. Der damals (1903) vom Autor geforderte schlesische Dialekt ist geblieben, doch führt er heute mehr zur Entfremdung als zur Beschreibung der tatsächlichen Lebensumstände. Die gewollte Assoziation an das Sterntaler-Märchen der Gebrüder Grimm ist natürlich angesichts des ständig regnenden Goldes offensichtlich, bildet aber mehr eine Spur, die den Zuschauer aus dem üblichen Interieur herausführt und ganz auf die Figur Rose Bernd fokussiert. Ein um die Ebene wanderndes Live-Orchester liefert die Soundspur, und manchmal auch tonlos den Ventile klappernden Sound einer Dreschmaschine auf dem Feld.

Alle kommen und gehen sie auf die schiefe Ebene, alle sind irgendwie schuldig, oder auch nicht. Jeder will seine Vision vom Goldregen nicht opfern, nur Rose bleibt dabei auf der Strecke. Sicher, sie hätte ihr Leben besser verteidigen können, doch wäre das immer nur um den Preis einer aus ihrer Sicht unverzeihlichen Schlechtigkeit gegangen. „Das Beste wäre es schon, ins Wasser mit mir“, früh scheint das Leben ohne Sinn, doch das Kind in ihrem Bauch scheint sie weiterzutreiben. Weiß sie tatsächlich, was sie will? Denn sie stolpert still und ohne Halt von irgendjemand in den Abgrund, vom Vater verlassen, vom Liebhaber betrogen, vom Bösewicht Streckmann (Michael Schütz) vergewaltigt und, und das erscheint nicht nur irgendwie scheinheilig, vom Verlobten (Nils Kreutinger) ins Unglück vergöttert. Frömmigkeit ist in dieser schiefen Welt kein Thema mehr. Erdulden, was auch kommt, heißt die Maxime dieser Inszenierung, in den Hades rutschen ohne Halt, ohne Chance, kein Blick zurück mehr, der da hilft, kein Ort, keine Heimat, die Erlösung mehr bieten könnte. Jana Schulz schwitzt diese Schmach förmlich aus, der Engel ohne Flügel verliert auch noch Arme und Beine, seine Sprache, am Ende zuckt nur noch ein hilfloser Torso durch das Gold: „Ich hab mich einfach nur geschämt.“ So einfach ist die Gräuel in Worte zu fassen, so wunderlich erscheint die Scham in der heutigen multimedialen Schnickschnackzeit. Es scheint als käme der Begriff aus einer anderen Epoche und der Schlesische Dialekt von einem anderen Planeten.

18 Scheinwerfer im Hintergrund fahren langsam in die Höhe. Die Inszenierung erreicht das Finale. Längst sind alle Beteiligten ebenso beschädigt, längst das letzte Wollen sinnlos. Es schüttet nun Goldflimmer aus dem Himmel, ein Wolkenbruch über der schwangeren Kreatur, die darin verschwindet, gerade als sie ihren Rock hebt. Warum bringt eine Mutter ihr Kind um? Diese Frage lässt sich nicht wirklich beantworten, das konnte Gerhart Hauptmann schon nach dem Prozess einer 25-jährigen Kindsmörderin, dem er als Geschworener beiwohnte, nicht, aber die Sterntaler-Inszenierung von Roger Vontobel kommt einer Antwort recht nahe.

Autor

PETER ORTMANN

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