„Autistische Ökonomie“

Wirtschaftswissenschaftliche Leere, Foto: Cornelia Wortmann

„Autistische Ökonomie“

Der Markt macht einen auf Gott und alle sind dabei – Thema 11/15 Gemeinwohl

Der Markt fordert…, der Markt will…, der Markt braucht… Bei der TV-Berichterstattung über das Geschehen an der Frankfurter Börse liegt der Eindruck nahe, der Markt spreche zu uns Sterblichen. Was eigentlich ein komplexes Geschehen ist, wird nicht nur in „Börse vor acht“ in der ARD zur Emanation eines übernatürlichen Wesens. Statt Nachrichten verkündet ARD-Börsenfrau Anja Kohl Interpretationen von Orakelsprüchen. Die den Markt konstituierenden, zig tausendfachen Entscheidungen der Marktteilnehmer verschwinden hinter einem ehrfurchtsgebietenden Begriff, der in Form des Kollektivsingulars entzeitlicht ist: „der Markt“ – er war und wird immer sein! Beste Voraussetzungen für eine Anbetung.

Wo sich einst nach der Aufklärung „die Geschichte“ oder „der Fortschritt“ auf dem von Gott geräumten Platz einrichteten, da hat sich heute der Markt breitgemacht und hat alles im Griff. Ironischerweise bereiteten Fortschritts- und Geschichtsglaube die Thronbesteigung des Marktes maßgeblich vor. Sowohl Liberalismus, als auch der historische Materialismus kündeten von der Macht des Ökonomischen und waren Wegbereiter für den neuen Kult. Einem Kult, dem selbst in den wirtschaftswissenschaftlichen Departements der Universitäten gehuldigt wird. Der intellektuelle Zustand kann getrost zwischen „dogmatisch wie die katholische Kirche“ und „ideologisch wie der Stalinismus“ verortet werden. Die Gesetze des Marktes – der eine Schöpfung des Menschen ist, daran muss erinnert werden – werden durch mathematische Formalisierung zu unverbrüchlichen Naturerscheinungen. Trotz dieser Naturalisierung reifte der Markt zu einer anonymen, unangreifbaren Macht, von der alles abhängt. Der man sich anpassen, der man sich unterwerfen muss.

Wer bestehen will, hat die Gesetze des Marktes zu befolgen; wer in politischen Diskursen irgendwas zu melden haben will, muss sich als Gläubiger erweisen. Alle anderen gelten als Spinner oder – um im Bild zu bleiben – als Häretiker und Ketzer, als irrelevante Heiden, die an Steuerbarkeit, Regulierbarkeit und Gestaltbarkeit von Gesellschaft durch staatlichen Eingriff glauben.

Das hat vor allem mit dem vorherrschenden Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften zu tun: der neoklassischen Theorie. Die größte Finanz und Wirtschaftskrise ist seit ihrem Beginn im Sommer 2007 auch eine Krise dieser Schule. Wäre es nach den Modellen der modernen Makroökonomie gegangen, die in der Disziplin Standard sind, hätte es die Krise gar nicht geben können. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Neoklassik klafft ein tiefer Abgrund. Doch Reformen in der Ausbildung von Ökonomen werden bislang bestenfalls am Rande diskutiert (siehe das Interview auf der nächsten Seite).

Anders in Harvard: Im Sommer 2011 verlassen 70 Wirtschaftsstudierende während einer Vorlesung im Protest den Saal. Ihre Kritik lautete: Der Professor indoktriniere. In einem Brief an Professor N. Gregory Mankiw erklären sich die Studenten später: Anstatt einer breiten Einführung in die ökonomische Theorie hätten sie eine limitierte, stark verdrehte Sicht der Ökonomie in seiner Vorlesung angetroffen. Diese bewahre „das problematische und ineffiziente System der wirtschaftlichen Ungleichheit in unserer Gesellschaft“. Wenn es Harvard nicht schaffe, seine Studierenden mit einem breiten und kritischen Verständnis der Wirtschaft auszustatten, dann könnte deren zukünftiges Handeln das globale Finanzsystem schädigen. Das hätten die Handlungen ihrer Vorgänger in der Krise schon einmal bewiesen, schrieben die Studenten.

In der Tat haben die Wirtschaftskrisen der Lehre und der Finanzmarktökonomie ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die unreflektierte Anwendung von stark vereinfachenden Modellen hat die Finanzkrise mitverursacht, sagen Kritiker und sprechen mittlerweile von „autistischer Ökonomie“. Einer „autistischen Ökonomie“, die mit öffentlichen Geldern an den Universitäten gefördert wird, statt eine Aufklärung in der Wissenschaft zu fordern.

Als am 1. November 1755 Lissabon von einem Erbeben zerstört wurde und rund 100.000 Menschen ihr Leben ließen, war diese Katastrophe ein wichtiger Schub für die europäische Aufklärung, die den gütigen Gott, der Böses geschehen ließ, durch die Vernunft ersetzte. Bleibt die Hoffnung, dass auch die verheerenden Wirtschafts- und Finanzkrisen dazu führen, dass der religiöse Charakter des Marktes und die dogmatische und vorkritische Lehre in den Unis einer umfassenden Kritik unterzogen werden. Ist der Markt wirklich rational, robust und effizient? Oder sind das nur die wohlklingenden, von der Theorie legitimierten Synonyme für Ausbeutung, Armut und Umweltzerstörung?

Autor

BERNHARD KREBS

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