Aus dem eigenen Erleben

Käthe Kollwitz, Umschlungene, um 1909/10, Kohlezeichnung, teils gewischt, auf gelblichem Bütten, NT 559a, © Käthe Kollwitz Museum Köln

Aus dem eigenen Erleben

Autobiographische Impulse in der Kunst von Käthe Kollwitz

Käthe Kollwitz und eigentlich immer Käthe Kollwitz, dazwischen anderslautende Wechselausstellungen, aber auch diese mit Bezug zur Kollwitz: Seit seiner Gründung 1985 dreht sich das ihr gewidmete Museum völlig korrekt um die große deutsche Künstlerin. Aber wird das nicht langweilig, ist das Werk nicht sowieso historisch, in seinen Techniken und Gattungen allzu konventionell und dadurch irgendwie jenseits von Gut und Böse? Ganz und gar nicht! Das belegt jetzt auch die Ausstellung „Liebe und Lassenmüssen…“, die die persönlichen Ereignisse hinter den Werken der sozialkritischen Künstlerin freilegt. Was Käthe Kollwitz dabei an Empfindungen vermittelt, ist nach wie vor aktuell und berührend. Die besondere Leistung dieser aus den Sammlungsbeständen konzipierten Ausstellung besteht in der Intensivierung dort, wo das Glück überschäumt und der Schmerz das Herz zerreißt. Käthe Kollwitz ist vor allem für die Großstadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine unverzichtbare Chronistin. Nicht der Wohlstand ist die Sache ihrer Zeichnungen, Druckgraphiken oder Skulpturen, sondern das Darbende, das Leid und das Trauern, aber auch die Liebe und die Glückseligkeit. Sie fängt die Emotionen, vermittelt über die Mimik und Gesten und die innige Nähe unter Menschen, ein, so wie sie jeder durchlebt. Was die Kollwitz zeigt, ist kein Symbolismus, sondern Realismus.

Käthe Kollwitz (1867-1945) hat Malerei und Zeichnung an der Kunstakademie München und Bildhauerei in Paris studiert. Nach ihrer Heirat zieht sie mit ihrem Mann 1891 nach Berlin, wo ihre beiden Söhne zur Welt kommen. Prägend wird für sie das Stück „Die Weber“ von Gerhard Hauptmann, der sie zum Druckgrafikzyklus „Ein Weberaufstand“ (1897) führt: Dieser verhilft ihr zum künstlerischen Durchbruch. Zu den einschneidenden Ereignissen, die sie in ihrer Kunst festhält, gehören die lebensbedrohliche Erkrankung ihres älteren Sohnes Hans und dann der Tod ihres anderen Sohnes Peter im Ersten Weltkrieg. 1921 und 1923 werden ihre Enkelkinder geboren; 1925 stirbt ihre Mutter, die seit 1919 in der Wohnung der Familie gelebt hat. Viele Werke widmen sich der partnerschaftlichen Liebe, weitere dem innigen Verhältnis der Mutter zu ihrem Kind, andere zeigen das Altern der Liebsten und Nächsten. Dabei ruft Kollwitz das gesamte Repertoire zeichnerischer und druckgrafischer Finessen ab. Der Werküberblick im Museum ist dazu weitgehend chronologisch gehängt. Ausgestellt ist auch die wohl letzte Zeichnung, die die Kollwitz kurz vor ihrem Tod angefertigt hat. Begleitet wird der Rundgang von Zitaten aus den Tagebüchern.

Natürlich trägt die Ausstellung den Ton stiller Nachdenklichkeit. Vielleicht ist eine Ausstellung, die von Emotionen handelt und dabei Hoffnung spendet, in diesen Monaten sowieso das Beste. Dass die Ausstellungsräume unter dem Dach der Neumarktpassage seit eh und je etwas Unbehaustes haben: geschenkt. Die Bilder – und zwar so, wie sie präsentiert sind – sind eine intensive Erfahrung auch unserer Zeit.

„Liebe und Lassen müssen…“ – Persönliche Momente im Werk von Käthe Kollwitz | bis 20.9. | Käthe Kollwitz Museum, Kreissparkasse Köln | 0221 227 28 99

Autor

Thomas Hirsch

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