Aufbrechende Wunden

„wound“, Choreografie: Toula Limnaios, Foto: cyan

Aufbrechende Wunden

Von Köln und Münster bis Berlin: Festival der Cie. Toula Limnaios – Tanz in NRW 07/16

Es sind die Narben, die uns teils lebenslang an die Wunden erinnern, die das Leben schlug. Viele verheilen, andere brechen immer wieder auf. Wie in „wound“ (2009), dem vielschichtigen Tanzstück der griechischen Choreografin Toula Limnaios, das uns durch eine surreale Szenerie zwischen Traum und Trauma führt. Eingangs zeigt die Videoprojektion einen Mann unter Wasser, Luftblasen quellen aus seinem Mund, verzweifelt schwimmt er gegen einen Sog an, der ihn in die Tiefe zu ziehen droht. Ein verstörendes Bild, das ebenso symptomatisch für die Unentrinnbarkeit vor den Wunden des Lebens steht wie das Video der durch endlose Gänge und sich schließende Türen anrennenden Frau. Derweil betreten die Tänzer die Bühne und laden einer Tänzerin nach und nach immer mehr Lasten auf den Kopf. Doch wer glaubt, sie würden sich damit selbst entlasten, liegt falsch. Selbstquälerisch schlagen sie ihre nackten Körper, reißen bei Umarmungen heftig am anderen, fügen sich selbst Verletzungen zu. Zwei Frauen quetschen die Haut eines Mannes. Zwei Männer zerren heftig an einer Frau. Eine andere balanciert auf einem liegenden Mann. Aus allem, Tanz, Musik, Video, quillt fast spürbar der Schmerz der alltäglichen Verwundungen, denen man unausweichlich ausgesetzt ist. Limnaios versteht es, den Vorhang vor Traum und Trauma immer nur so viel zu lüften, dass man die Abgründe dahinter vermuten, aber nie vollständig sehen kann.

Mit „wound“ startete die neu gestaltete Halle Tanzbühne am Prenzlauer Berg in Berlin jetzt ihre künstlerische Retrospektive über 20 Jahre Cie. Toula Limnaios. Vierzig abendfüllende Tanzstücke entstanden in dieser Zeit. Für ein freies Ensemble ein ungewöhnlich umfangreiches Repertoire, das inzwischen auch städtische Ensembles übernehmen. Fünfzig bis sechzig Vorstellungen pro Jahr, internationale Tourneen, Auszeichnungen wie der George-Tabori-Preis charakterisieren eine oft schwierige, aber letztendlich erfolgreiche Karriere, die 2014 auch zur Förderung durch das Land Berlin führte. Beim Festival dabei ist auch das TanzTheater Münster, mit dem die Choreografin ihr Stück „if I was real“ von 2013 neu erarbeitete und das bereits im April in Münster Premiere feierte. Im Ensemble sind auch Hironori Sugata und Uta Pliestermann, die in Köln zeitweise mit den Choreografinnen Silke Z. bzw. Ilona Pászthy gearbeitet haben.

Was die Compagnie so erfolgreich macht, sind natürlich die außergewöhnlichen Choreografien von Toula Limnaios – und großartige Tänzer, von denen jeder auch solistisch glänzt. In ihren Stücken forscht sie den Tiefen und Abgründen der menschlichen Existenz nach, kratzt dabei nicht nur an der Oberfläche, sondern zeigt auf die zugrunde liegende Wirklichkeit – und die ist nicht immer angenehm. Ihre Tanzstücke sind nicht narrativ und doch erzählen sie in ihrer Abstraktion mehr von der realen Welt als vordergründig erkennbar. Manches ist rätselhaft, manches geheimnisvoll, aber alles zusammen schafft einen Raum, der für alle zugänglich ist. Ein wie es scheint ganz einfaches Erfolgsrezept.

„if I was real“ | Ch: Toula Limnaios | Mi 29.6., Do 7.7. 19.30 Uhr | Theater Münster | 0251 590 91 00

Klaus Keil

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