Auf diesem geschundenen Planeten

Impression von „Weiße Nächte / Retour Natur“ 2021, Foto: Franziska Götzen

Auf diesem geschundenen Planeten

„Weiße Nächte / Retour Natur“ des Theater an der Ruhr

Und wieder einmal wandern Trash-People durch den Raffelbergpark in Mülheim. HA Schult macht seine (letzte) Performance? Nee. Die Müllviecher, die hier kursieren, sind Teil der „Weißen Nächte“ vom umweltbewussten Theater an der Ruhr, das dieses abendliche Kunst-Event in der Mid-Sommerzeit seit Jahren etabliert und es seit letztem Jahr auf ein dreiwöchiges Festival ausgeweitet hat. Die Müllviecher sind ein partizipatives Projekt mit der Stadt, quasi lyrisches Recyclen von Plastikmüll, mitten in der Pandemie gewesen. Und diese Cyborg-ähnliche Spezies scheint ein Eigenleben entwickelt zu haben – auch um eine Zukunft zu generieren?

Viele der Lebenswesen hatten keine. Aus den „Viechern“ dringen Texte aus Thomas Köcks Drama „und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr (monkey gone to heaven)“. Die Worte und Laute werden gezischt, gebrüllt und geflüstert. So ziehen an den Besuchern Tierarten vorbei, die diesen Planeten bereits verlassen haben. Eine Weissagung? Vielleicht. Denn Motto und Leitmotiv des multiperspektivischen Festivals sind geblieben: Retour Natur. Abendliche Besucher mit frei gewähltem Eintritt können sich auf Theater, Konzerte, Performances, Audio-Walks, Diskurse, Parties und Installationen freuen, alles auch gegen den „Ungeist“ der Zeit.

Im Zentrum stehen zwei Premieren: Philipp Preuss inszeniert Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ auf Pontons im See des Raffelbergparks. Die schwimmenden Inseln könnten ein trockener Lebensraum für die Sagengestalten der Meerjungfrauen sein, die als Mischwesen zwischen Mensch und Tier selbst um ihren ureigenen Lebensraum kämpfen müssen, wobei wir da auch wieder bei den Plastikmüllwesen angekommen sind und den damit verbundenen ausgestorbenen Arten?

In eine andere mögliche digitale Zukunft führt eine Adaption von Gustav Schwabs Ballade „Der Reiter und der Bodensee“. Simone Thoma inszeniert mit „Anatomie eines Wortes – Ritt über den Bodensee“ von Anza Pamber und Peter Handke die zweite Premiere in den Weißen Nächten und stellt darin die Frage, ob KI eine neue Maßeinheit für Menschen werden wird, deren evolutionäre Entwicklung möglicherweise nur noch mit Hilfe von Maschinen generiert wird.

Zumindest beim experimentellen Teil des wieder von Martin Kohlstedt kuratierten Konzertprogramms, werden Maschinen vielleicht eine besondere Beziehung zwischen Musik, Mensch und Natur herstellen. Denn im Subtext der Veranstaltungen steht auch die allgegenwärtige, immer bedrohlicher werdende Klimaveränderung. Der sisyphosartige Kampf dagegen – ich zitiere einmal schnell ein aktuelles, zynisches Zitat eines scheinbar geistesgestörten US-Expräsidenten: „Dann gibt es mehr Grundstücke am Strand“ – mag angesichts wieder zunehmender Pandemiesorgen, Gasknappheit, Putins menschenverachtendem Angriffskrieg in der Ukraine und der lustigen Renaissance der strahlenden CO2-neutralen Atommeiler ausgehen wie er will: nur im Einklang zwischen Mensch und Natur kann eine Zukunft mit Menschen auf dem Planeten möglich sein. Auch davon handeln die theatralischen „Lehrstücke“ und „Lehrpfade“ bei den Weißen Nächten in Mülheim.

Weiße Nächte / Retour Natur | 19.8.-4.9. | Theater an der Ruhr, Mülheim | 0208 599 01 88

Autor

PETER ORTMANN

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