Auf den Roller gekommen

Einer von vier Scooter-Verleihern in Köln: Lime, Foto: Kris Krug / Lime

Auf den Roller gekommen

Köln ist eine der ersten deutschen Großstädte, in der großflächig E-Scooter verliehen werden

Sie stehen auf dem Radweg, kreuz und quer in der Fußgängerzone verteilt, liegen auf Behindertenparkplätzen oder mitten auf dem schmalen Gehweg, machen ihn für Rollatoren, Kinderwagen und Rollstühle unpassierbar. Die Rede ist von akkubetriebenen Leih-Elektrotretrollen, wie sie seit einigen Monaten in die Großstädte der Republik eingefallen sind: Lime, Tier, Birc und Bird sind die Namen jener in Köln vertretenen Verleiher dieser Gefährte. In der Stadt tummeln sich aktuell rund 3.500 derartige Roller – jene, die von Idioten übers Geländer irgendwo in den Rhein geworfen wurden, eingerechnet. Anträge müssen nicht gestellt werden, um die Gefährte in Köln anzubieten, da der Betrieb genehmigungsfrei verläuft. Die Anzahl ist folglich nicht reguliert. Im Rahmen zukünftiger „Optimierungen der Qualitäts-Vereinbarung“ mit den Anbietern, wie es bei der Stadtverwaltung heißt, wolle man dieses Themenfeld jedoch betrachten.


Rund um das Thema – mehr Sicherheit auf dem Roller
Nicht jeder, der zum Leih-Elektrotretroller greift, ist damit vertraut. Nicht selten kommt es zu Unfällen. Wer etwa bei Lime einen Roller leihen will, muss mindestens 18 Jahre alt sein, einen gültigen Führerschein besitzen und eine Kreditkartennummer angeben. „Wir begrenzen die Geschwindigkeit unserer Scooter, verlangen von den Fahrern vor dem Entsperren ihres ersten Scooters, dass sie sich Sicherheits-Tutorials ansehen, und fordern sie auf, immer einen Helm zu tragen. Außerdem ist die neue Generation von E-Scootern mit Sicherheitsmerkmalen ausgestattet, wie z. B. größeren Rädern, einer besseren Federung für Bodenunebenheiten und einer verbesserten Bremse“, betont Patricia Kurowski von Lime. Was noch nicht geplant ist: ein eingebauter Alkoholtester. Der dürfte mehr Sinn machen als Appelle an das Gewissen.

 

Wenngleich die Euphorie, hip und cool zu sein, wie Paris, Berlin oder andere Metropolen Europas, groß ist, sind mit dem unkontrollierten Ansteigen der Elektrotretroller auf Kölns Wegen gleichwohl nicht alle zufrieden. Unachtsam und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung schnellen manche Fahrer durch Kölns Fußgängerzonen, nicht selten mit mehreren Personen auf dem Roller oder betrunken. Letzteres kann mit Führerscheinentzug bestraft werden – für den Pkw. Immer öfter beschweren sich Bürgerinnen und Bürger bei der Stadt – wohl vor allem, weil sich der Rollerverleih noch nicht wirklich eingespielt hat und es auf beiden Seiten an Akzeptanz hapert. „Beschwerden aus der Bevölkerung umfassen insbesondere die Fahrt im öffentlichen Raum sowie das Abstellen der E-Tretroller. Dieses Feedback fließt in die laufende Optimierung ein und der Anbieter wird über die Meldung informiert. Es erfolgt dann zeitnah eine Reaktion vor Ort“, heißt es bei der Stadt. Im laufenden Betrieb würden Möglichkeiten erarbeitet, das Verleihsystem zu optimieren. Hierzu stehe die Verwaltung in engem Kontakt mit den Anbietern und der Polizei. Nach Ablauf etwa eines halben Jahres, also voraussichtlich bereits diesen Herbst, soll ein Erfahrungsbericht erstellt und den politischen Gremien und der Öffentlichkeit vorgestellt werden – mit Vorschlägen, um allen Seiten, Fußgängern, Autofahrern, Radfahrern und Leih-Elektrotretrollerfahrern, gerecht zu werden.

Nachgefragt, will man bei Lime nichts über Probleme wissen.„Keine Beschwerden“ vorliegend, heißt es seitens Pressesprecherin Patricia Kurowski. Aktuell teste man jedoch, wie Künstliche Intelligenz den Fahrer beim richtigen Abstellen unterstützen kann. „Bevor Nutzer die Miete beenden können, müssen sie in der App ein Foto des Scooters hochladen. Die Software erkennt automatisch die Position und kann das Abschließen, wenn nötig, blockieren“, heißt es. So könnte verhindert werden, dass Gehwege blockiert werden. Kurowski: „Außerdem können wir bei Bedarf Funktionen implementieren wie die automatische Verringerung der Geschwindigkeit in belebten Zonen und die Einrichtung von ‚No-Parking Zones’, in denen bei falschem Parkieren eine Strafgebühr fällig wird.“ Das wäre zumindest ein guter Anfang. Wenn jetzt auch noch die Rollerfahrer mitspielen, sich rücksichtig und einsichtig verhalten, dann ist Köln in Sachen Verkehrswende ein gutes Stück weiter.

Zum Autor:
Pascal Hesse, investigativer Journalist für trailer, engels, choices, FOCUS und [recherche|kollektiv]. Er ist im Vorstand DJV NRW.

‚Nachgefragt: Der Weg des Geldes‘ ist seine Kolumne


Rückblick: Nachgehakt – ÖPNV: gut gemeint, schlecht umgesetzt
1021,20 Euro kostet ein Jahresticket der Kölner Verkehrsbetriebe in der günstigsten Kategorie. In Bonn gibt’s ein vergleichbares Ticket für nur 365,04 Euro. Pro Tag wird dort folglich gerade einmal ein Euro für uneingeschränkte Mobilität im ÖPNV fällig. Neun Monate nach der Einführung verzeichnet die Bundesstadt jedoch eine eher verhaltene Resonanz: Nur knapp 6000 der 17.000 verfügbaren Jahreskarten seien bislang verkauft worden. Für den Fahrgastverband Pro Bahn ist das Angebot nicht attraktiv genug, weil mit dem Ticket keine Anschlusskarten (etwa nach Köln) verwendet werden können. Das macht es ungeeignet für Pendler. Statt auf kommunale Einzellösungen zu setzen, macht es wohl eher Sinn, günstige, Stadtgrenzen übergreifende Lösungen zu finden. Nur so kann der Ballungsraum Köln die Verkehrswende schaffen.

 

Autor

PASCAL HESSE

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