Anatevka wie Aleppo

„Fiddler on the Roof – Anatevka“ Foto: Carl Brunn

Anatevka wie Aleppo

„Fiddler on the Roof“ am Stadttheater Aachen

Sholem Aleichems zwischen 1894-1916 geschriebene, Erzählungen um „Tevje, den Milchmann“ dienten Joseph Stein als Vorlage für sein Musical-Libretto „Fiddler on the Roof“ (1964), das sich zu einem der weltweit meistgespielten Musicals entwickelte. Wohl auch, weil seine 1905 in einem ukrainischen Dorf namens Anatevka spielende Geschichte bis heute nichts von ihrer politischen Brisanz verloren hat: Tevje ist nicht nur mit Armut und der Verheiratung seiner drei ältesten Töchter „gestraft“. Er und alle Dorfbewohner müssen schließlich auf Befehl des Zaren ihre Heimat verlassen.

Noch ehe sich der Vorhang hebt, signalisieren drei auf der Bühne platzierte, schäbige Koffer, dass uns keinfolkloristisches Unterhaltungsspektakel bevorsteht. Und wenn dann im düster-stimmungsvollen Lichtdesign von Dirk Sarach-Craig, untermalt von Schüssen im Hintergrund, eine „Wohnruine“ (großartig entworfen von Bühnenbildner Andreas Becker) ins Blickfeld rückt, ist sofort die Assoziation da: nicht nur Anatevka fängt mit A an!

Aber erst einmal gibt Ewa Teilmans dem Musical, was des Musicals ist: Sie arbeitet fein den jüdischen Humor der Dialoge heraus, besonders wenn Tevje sich mit Gott unterhält oder seine skurrilen Deutungen von Bibel und Kommunismus zum Besten gibt. Dankenswerterweise lässt sie die Songs im Original, sodass Sheldon Harnicks Liedtexte endlich einmal auf einer deutschen Bühne in ihrer Vielschichtigkeit zu hören (und in den Obertiteln zu lesen) sind. Zudem lässt sie Jerry Bocks gesamte Partitur spielen, die hierzulande auch gerne um einige Stücke gekürzt wird. So kommt die Inszenierung auf satte dreieinhalb Stunden (mit Pause), wird aber nie langweilig, weil Teilmans und ihr homogenes Ensemble Tempo und Spannung hochhalten, unterstützt vom alle Klangfarben beherrschenden Sinfonieorchester Aachen unter Justus Thorau. Selbst die in vielen Inszenierungen so übermächtige Figur des Tevje wird durch das zurückhaltende Spiel des Niederländers Bart Driessen, der vor allem mit seinem sonoren Bass gesanglich überzeugt, hier Teil einer liebenswerten, in Traditionen festgefahrenen Diaspora-Gemeinde. Musicalmäßig können ihm da seine drei Töchter Zeitel (Lisa Katharina Zimmermann), Hodel (Soetkin Elbers) und Chava (Michal Bitan) sowie seine eigentlich unstandesgemäßen Schwiegersöhne in spe, Perchik (Benedikt Voellmy), Fedja (Hannes Schumacher) und Motel (Patricio Arroyo) am ehesten noch das Wasser reichen. Leider schlagen zu wenig Funken zwischen Irina Popova (als Tevjes Ehefrau Golde) und Driessen, sodass ihr Duett „Do You Love Me?“ nicht jene Zärtlichkeit entfaltet, die die Melodie in sich trägt.

Auch Hakan T. Aslans dynamischer Choreografie hätte man jene „Entfaltung“ gewünscht. Aber weil Teilmans den Opernchor unverständlicherweise mit einem Extrachor aufgestockt hat, herrscht oft zu viel (Volks-)Gedränge auf der verhältnismäßig kleinen Bühne. So wirkt Aslans großartige Tanztruppe immer etwas ausgebremst. Schade! Letztlich verlässt man aber tiefberührt das Theater.

„Fiddler on the Roof – Anatevka“ | R: Ewa Teilmans | Sa 4.3., Do 23.3, So 2.4. 19.30 Uhr | Theater Aachen | 0241 4784 244

Autor

ROLF-RUEDIGER HAMACHER

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