Alte britische Schule

Lynn Chadwick, Beast VII, 1956, Bronze, H 62 cm, © The Estate of Lynn Chadwick, Foto: Steve Russell Studios

Alte britische Schule

Lynn Chadwick im Lehmbruck Museum

Von Zeit zu Zeit zeigt das Lehmbruck Museum die Werke britischer Künstler. Im Hinblick auf das Renommee und die innovativen Leistungen der Bildhauer von der Insel ist dies konsequent für das Duisburger Museum, das sich seit jeher als Zentrum für Skulptur in Europa versteht. Ausgestellt wurden etwa Tony Cragg, Rachel Whiteread, Anthony Gormley und Julian Opie. Hinzu kommt nun Lynn Chadwick (1914-2003). Chadwick wurde 1956 mit dem Preis der Biennale Venedig für Skulptur ausgezeichnet und dreimal zur documenta eingeladen. Mit seinen Landsmännern Reg Butler und Kenneth Armitage zählt er zu den wichtigsten Bildhauern der Nachkriegsmoderne, die eine expressive Auseinandersetzung mit der Figur unternahmen. Statt sie ganz zu verlassen und durch abstrakte vegetative Formulierungen oder Fragmente zu ersetzen, banden die Engländer die figurative Gestalt in strenge Strukturen und lebhaft pulsierende Flächen ein.

Lynn Chadwick hat dazu Gerüste aus Eisenstäben aufgebaut, mit Zementmasse gefüllt und dann austrocknen lassen oder das kompakte Volumen in Bronze gegossen. Die Oberflächen wirken wie dünne, fast durchsichtige Häute, die knöchern eingefasst sind. Sie scheinen verletzlich und robust zugleich und verfügen über einen changierend erdigen Ton. Chadwick hat seine Skulpturen oft aus Dreiecksflächen konstruiert. So tragen seine Einzelfiguren und die Figurenpaare eine Art Helm als Haupt. Andere Figuren sind weiter abstrahiert und treten als Wächter-Figuren auf, etwa mit einer Öffnung im oberen Bereich, was damals, im Kalten Krieg, an Überwachungsapparate erinnern konnte. Berühmt aber wurde Chadwick mit seinen „Biestern“ („beasts“), die als Kleinplastiken und in monumentaler Übertragung vorkommen. Die „Biester“ sind skurril; in ihrem Ausdrucksspektrum zwischen Hund und Werwolf wirken sie wie Albträumen entsprungen. Sie sind mit ihren aufgerissenen Oberflächen ebenso kreatürlich archaisch, wie sie, besonders wenn sie aus Edelstahlflächen zusammengesetzt sind, der Science fiction zugehörig scheinen. Mit ihren unterschiedlichen Körperhaltungen bringen sie Emotionen von Angriffslust bis hin zu Demut zum Ausdruck. Introvertiert wirken sie nur selten.

Die etwas füllige Retrospektive im Lehmbruck Museum stellt nun das ganze Spektrum vor. Sie bezieht Zeichnungen, Skizzen und Druckgraphiken ein und vermittelt, wie intensiv Chadwick an seinen Formulierungen gearbeitet und feinste Nuancen ausgelotet hat.

Während er in England – und übrigens auch in den Niederlanden – bis heute allgegenwärtig blieb, war er in Deutschland nach den frühen fulminanten Auftritten über Jahrzehnte von der Bildfläche verschwunden. Nur die Museumssammlungen zeigten ab und an ein Werk von ihm. Und dann trat die Galerie Blain Southern auf den Plan. Es erschien eine umfassende Monographie bei einem Schweizer Verlag. Tony Cragg stellte Chadwick in seinem Skulpturenpark in Wuppertal aus und zuletzt folgte Berlin mit dem Haus am Waldsee und dem Georg-Kolbe-Museum gleichzeitig. Und nun also Duisburg. So viel vom berühmten Engländer sieht man wahrscheinlich nicht mehr so schnell.

Lynn Chadwick – Biester der Zeit | bis 20.9. | Lehmbruck Museum Duisburg | 0203 283 32 94

Autor

Thomas Hirsch

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