„Als Syrer darf ich, was Deutsche nicht dürfen“

Proben zu "Stirb, bevor du stirbst", Foto: Laura Schleder

„Als Syrer darf ich, was Deutsche nicht dürfen“

Ibrahim Amirs Komödie „Stirb, bevor du stirbst“ bringt die Klischees zum Tanzen
Premiere 11/15

Am Ende kneifen sie alle. Der eine hat Rückenschmerzen, der andere ist gerade verhindert – so wird es nichts mit dem Ehrenmord. Ibrahim Amirs Komödie „Habe die Ehre“ war der Renner in der vergangenen Spielzeit am Schauspiel Köln, gerade weil sie ein ernstes Thema ironisch behandelte. Im neuen Stück des Austrosyrers, der seit 14 Jahren in Wien lebt, geht es um den Dschihad. Sabines Sohn Philipp soll sich angeblich dem IS angeschlossen haben, was die Mutter entrüstet von sich weist. Doch Bücher, angeklickte Seiten, Broschüren lassen kaum einen anderen Schluss zu. Also wendet sich Sabine an ihre ungeliebte Nachbarin, die Migrantin Magda, um etwas zu unternehmen. Auf Umwegen landen die beiden dann beim Imam der Moschee, bei dem die Komödie endgültig ins Absurde umschlägt.

choices: Herr Amir, sie schreiben über Ehrenmord und Dschihadisten? Was interessiert Sie gerade an diesen Themen?
Ibrahim Amir:
Der Ehrbegriff war ein zentrales Thema für mich persönlich. Der Umgang damit hat mich schon in meiner Jugend in Syrien sehr belastet. Nicht so sehr familiär, es lag an der allgemeinen Stimmung. Auch mein erster Prosatext, den ich nach meiner Übersiedelung nach Österreich verfasst habe, handelte von einer Frage der Ehre. In meinem Stück „Habe die Ehre“ konnte ich dann mit Hilfe der Figuren verschiedene Aspekte des Problems behandeln, natürlich auf einer scharfen, hochgeputschten Ebene. Das Schreiben war wie eine Therapie für mich.

Und bei ihrem neuen Stück Stirb, bevor du stirbst?

Ibrahim Amir (33) wurde in den kurdischen Gebieten in Nordsyrien geboren und hat in Aleppo Theater und Medien studiert, wurde allerdings aus politischen Gründen exmatrikuliert. Mit einem Studentenvisum erhielt er in Österreich einen Studienplatz für Medizin macht nun eine Arztausbildung. Die Komödie „Habe die Ehre“ wurde in Wien und Köln zu einem großen Publikumserfolg. Foto: Oliver Abraham

Mein zweites Stück „Stirb, bevor du stirbst“ und das Thema Dschihadismus gehen eher auf die Stimmung hier zurück: Die Angst, die Einbildungen und Fantasien, gerade auch bei den Jugendlichen, die nach Syrien fahren. Vieles davon ist richtig, einiges aber entsteht nur aus der Angst vor dem Radikalismus. Es geht dabei auch um meine eigenen Ängste. Ich lebe jetzt seit Jahren hier in Österreich und bin weit weg von Syrien. Ich habe zwar mehr Infos als Sie aufgrund meines persönlichen Kontakts – meine Eltern und Verwandten leben noch dort –, aber meine Quellen entsprechen wahrscheinlich zu 50 oder 60 Prozent den Ihren.

Warum wählen Sie die Form der Komödie?
„Habe die Ehre“ war nicht von vornherein als Komödie geplant. Erst durch die Überforderung der Figuren kam die Komödie bei den Figuren immer stärker zum Vorschein. Die dramatische Situation schafft auch irgendwann die Komödie. Es liegt mir, mit ernsten Themen ironisch oder mit Witz umzugehen. Außerdem erreiche ich dadurch mehr Menschen als mit einem ernsthaften tragischen Stück.

Besteht bei einem Thema wie dem Dschihadismus nicht die Gefahr komödiantischer Vereinfachung?
Als Syrer darf ich eben bestimmte Sachen, die Österreicher oder Deutsche nicht dürfen. Ich nutze gerne die Klischees und Vorurteile, die ich in der Gesellschaft vorfinde. Ich instrumentalisiere sie nicht, aber ich arbeite mit ihnen. Damit locke ich auch die Zuschauer und ziehe ihnen irgendwann den Boden unter den Füßen weg. Ich spiele bewusst mit den Vorurteilen. Jeder hat Vorurteile, ich auch. Die Frage ist, wie sehr man sich dessen bewusst ist.

Die Jungs Philipp und Mustafa sind angeblich in den Dschihad gezogen. Gibt es eine Dschihad-Hysterie?
Dschihad – das ist wie ein Produkt der Popkultur bei den Jugendlichen. Eigentlich sollte man denken, je mehr Muslime in einem Land leben, desto mehr IS-Rekruten fliegen dann nach Syrien. Das ist aber nicht richtig. Es kämpfen weit mehr junge Muslime aus Deutschland für den IS als aus Indonesien. Das zeigt die Attraktivität bei den Jugendlichen hier. Die Eltern denken nicht daran, dass das eigene Kind in den Krieg ziehen könnte. Sobald dann der Verdacht da ist, entsteht die Hysterie. Die Angst, die die Bilder aus Syrien auslösen, ist einfach zu groß. Deshalb glaubt Sabine am Anfang auch nicht daran, dass ihr Sohn Philipp das tun könnte.

Suchen Philipp und Mustafa nicht auch nach spirituellem Halt?
Da besteht ein Defizit. Aber der Sufismus ist natürlich auch so schön ästhetisch und spirituell sehr cool. Die Jungs gehen da runter, belegen einen Kurs und dann sind sie Sufis. Das ist vielleicht keine Mode im Moment, aber es war ein Trend.

Was die Magda, Sabine und den Imam verbindet, ist ein völlig gescheitertes Privatleben. Funktionierende Familienverbände sind nicht in Sicht.
Man hat keinen Austausch. Man redet erst miteinander, wenn etwas Fatales passiert ist. Dann beschuldigt man sich auch erst mal gegenseitig. Es ist immer der andere dran schuld. Erst die Katastrophe führt den Imam und Sabine zusammen, sonst hätten sie sich auch nie getroffen. Sobald man sich angegriffen fühlt, gehen sie aus sich heraus, wie der Imam.

Dann gibt es noch die Migrantin Magda, die am Ende vor der angeblichen Unübersichtlichkeit kapituliert.
Magda ist Mitte vierzig, gerade geschieden und leistet Widerstand wie eine typisch orientalische Frau. Sie war in Irak oder Syrien unterdrückt, kam nach Deutschland und hat geheiratet. Dann hat sie erfahren, dass auch deutsche Männer polygam sind; also ließ sie sich scheiden. Die Erfahrung mit ihrem Exmann hat ihr Bodenhaftung gegeben. Magda ist auf ihre orientalische Art penetrant, hat auch Vorurteile gegenüber den Deutschen und versucht, auf Sabine und Getrud als Fremde zuzugehen.

Der Deal zwischen Sabine und Magda läuft wie ab wie bei einer Putzfrau: 15 Euro die Stunde schwarz.
Nicht alle Orientalen handeln aus Herzensgüte. Wir sind eben an erster Stelle Geschäftsfrauen und -männer. Wir kommen aus einer Kultur, die sehr geschäftstüchtig ist.

INTERVIEW

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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