„Zwei Seelen in meiner Brust“

Olaf Kröck, Foto: Knotan

„Zwei Seelen in meiner Brust“

Olaf Kröck bereitet die Ruhrfestspiele 2019 vor

Das war ein gutes Jahr im Schauspielhaus Bochum. Olaf Kröck, der Intendant auf Zeit verlässt die Stadt, aber nicht das Ruhrgebiet. Jetzt wird er die Ruhrfestspiele 2019 in Recklinghausen rocken. Aber zehn Monate sind weg wie nix.

trailer: Mal ehrlich, Herr Kröck, wie schwer fällt es, diesen lukrativen Intendantenposten in Bochum wieder zu verlassen?
Olaf Kröck: Das fällt schon schwer. Das hat nichts mit dem lukrativen Intendantenjob zu tun, das hat was damit zu tun, dass hier ein wahnsinnig tolles Theater ist und zwar ein, wie sich herausgestellt hat, besonders dynamisches. Denn einerseits hat es eine große Geschichte, ist aber andererseits in der Lage, auf Veränderungen schnell zu reagieren. Und das wird es auch für die nächste Intendanz können. Dieser Job hat mir wirklich Freude gemacht – mit den Leuten um mich herum. Wenn die jetzt alle weg wären, würde mich das gar nicht mehr so interessieren. Aber mit ihnen war es eine unglaublich tolle Zeit. Und ich könnte mir natürlich vorstellen, das weiterzumachen, weil wir auch gemerkt haben, wie das Theater im Dialog mit der Stadt funktioniert hat. Trotzdem ist mir von Anfang an bewusst gewesen, dass das eine begrenzte Aufgabe war, und das hat vielleicht auch eine besondere Energie ausgelöst. Und ich habe ja das Glück, mich auf eine neue Aufgabe freuen zu können, deswegen sind da zwei Seelen in meiner Brust. Aber es fällt in jedem Fall schwer, das Schauspielhaus Bochum zu verlassen.

Wie immer beginnen die Ruhrfestspiele 2019 am 1. Mai – das ist ja noch mächtig viel Zeit, oder?
Bis zum 1. Mai 2020 wäre es mächtig viel Zeit. Für den 1. Mai 2019 hätte schon alles gelaufen sein müssen. Ist es aber noch nicht. Tatsächlich ist die Zeit knapp, vor allem für diesen etwas anderen Betrieb. Der internationale Festivalbetrieb hat eben andere Zeitmuster. Jetzt höre ich mir sehr oft an: Ja, tolle Idee, wir kommen gerne zu euch, so für 2020, 2021 können wir darüber sprechen. Und weil ich auch meine Bochumer Aufgabe noch vollumfänglich ausfülle und erst nehme, wird das zeitlich schon ziemlich eng – aber es wird klappen.

Werden wir dann im Recklinghäuser Festspielhaus abends wieder kickern dürfen?
Das ist eine gute Frage. Diese sagenumwobene Zeit, in der man im Festspielhaus schlafen und kickern konnte, in der dort auch ein Garten gewachsen ist, die ist ja offensichtlich eine aufregende Zeit gewesen. Was wir in Zukunft auf jeden Fall auch machen wollen, ist, dass man eine gute Zeit dort verbringen kann. Ob es dafür einen Kicker oder etwas anderes braucht, das weiß ich noch nicht. Aber ich mache mir jetzt schon intensiv Gedanken darüber, wie man eine bestimmte gastfreundliche Festivalatmosphäre hinkriegt, die der Vielfalt des Publikums – nicht jeder kann und will Kicker spielen – Lust macht, dort auch über die Vorstellungen hinaus zu bleiben. Wenn der Kicker die Frage nach Atmosphäre ist, dann sage ich ja. Wir werden in Zukunft auch eine gute Atmosphäre haben.


Vielleicht haben sich Menschen zum letzten Mal den Platz selbst angeeignet: Am Ende heißt es: „Changing of the Guard“ – die Bochumer Installation von Ari Benjamin Meyers, Foto: Diana Küster

Mit Traditionen zu brechen, ist in Recklinghausen nicht so einfach, oder?
Aber mit Traditionen zu brechen, ist auch überhaupt nicht mein Ziel. Es gibt diese Sorge, dass der Kröck kommt und jetzt alles anders macht. Das ist nicht richtig. Im Gegenteil: Ich denke eher darüber nach, was ich von den tollen Sachen, die schon da sind, weitermachen kann und wie ich sie mit meinen eigenen Akzenten versehe. Das ist eher ein Weiterentwickeln.

Aber keine Angst vor der Auslastung?
Ich finde die Auslastungszahlen als künstlerisches Kriterium möglich, aber sie sind nicht das einzige Kriterium. Ich weiß, dass diese Frage immer wieder an mich gestellt wird, und sie ist auch berechtigt. Denn natürlich will auch ich, dass die Ruhrfestspiele weiterhin ein Publikumsfestival, mit vielen Zuschauerinnen und Zuschauern bleibt.

Das Fringe-Festival wird aufgegeben – kommt das totale Cross-Over?
Das Fringe-Festival wird nicht aufgegeben. Ich weiß nicht, woher diese Aussage stammt. Im Gegenteil. Ich finde das Programm, das im Rahmen des Fringe-Festivals stattgefunden hat, unglaublich toll. Aber das eigentliche Stichwort heißt Zirkus – Zirkus und Physical Theatre. Recklinghausen ist ja bekanntermaßen auch eine Zirkusstadt. Ein sehr bedeutender großer Zirkusmacher macht alle zwei Jahre seine Weltpremiere in Recklinghausen – und dieser Gedanke, Zirkusstadt zu sein, Stadt der Kleinkunst, des Wuseligen, des In-die-Stadt-Hineingehen, das wird auf jeden Fall stattfinden und intensiv sein. Mein Problem ist eher, dass ich den Begriff Fringe eher irreführend finde. Wir reden also höchstens über ein Label. Den Inhalt, den wird es weiter geben.

Werden Sie selbst Regie führen in Recklinghausen?
Im ersten Jahr nicht.

ZUR PERSON
Olaf Kröck (*1971 in Viersen) studierte Angewandten Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim. Er war 2001 bis 2004 Dramaturg Experimentierbühne „UG“ am Luzerner Theater sowie 2005 bis 2010 am Schauspiel Essen, danach am Schauspielhaus Bochum. In der Spielzeit 2017/2018 ist Kröck dort Intendant. Ab dem nächsten Jahr leitet er die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Foto: Knotan

Identität und Zukunft des Ruhrgebiets ist ein Dauerthema. Doch wie verbindet man Politik der Haltung mit der Poesie des Widerstands gegen den aufkommenden Nationalismus?
Der Heimatbegriff wird bedauerlicherweise immer komplizierter und auch gefährlicher. Meiner Meinung nach versucht er, die Frage nach Identität an eine vordefinierte Politik zu koppeln, also gibt es ein „Wir“ und ein „Die“, und dieses Wir wird immer enger gestellt. Das Wir hat etwas mit einer hellen Hautfarbe zu tun, mit einer bestimmten Sprachfärbung, wobei völlig unklar ist, ob dann das Bayrische überhaupt auch noch dazu gehört. Ich finde es zunehmend gefährlich in einer Zeit, in der politische Parteien eine aggressive bis hin zu krimineller Ausgrenzungspolitik betreiben, in einer naiven Weise Begriffe wie Nation, Heimat, Identität unhinterfragt in den Raum zu stellen. Und ich glaube, wenn Theater politisch sein kann, dann muss es genau an diesen Begriffen kritisch ansetzen. Und dann muss es aber auch so kritisch sein, dass es ein bisschen weh tut.

Hochkultur, immer nur gegen Kohle, für umsonst gibt es da nichts.
Doch, es muss etwas für umsonst geben. Ein breitenwirksames Festival muss auch in den Gesellschaftsräumen ankommen, die erstmal keinen Zugang dazu haben. Wie kann sich Kunst dort in den Raum stellen und Menschen begegnen, die erstmal gar nicht vorhatten dorthin zu gehen, oder die es sich nicht leisten können oder wollen? Und da muss auch kostenlos was möglich sein. Aber es muss auch die Wertigkeit von Kunst deutlich gemacht werden, das hat was mit dem Preis zu tun. Man muss auch Geld ausgeben für Kunst. Kunst kostet berechtigterweise Geld.

Ist schon etwas festgezurrt? Schon bei Daniel Brühl nachgefragt?
Daniel Brühl nein. Festgezurrt ja. Und zwar international, und zwar sehr renommiert international.

INTERVIEW:

PETER ORTMANN

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