Zurück zu den Wurzeln

Sympathisches Zukunfts-Modell: die solidarische Landwirtschaft, Foto: Thomas Morsch/ Christine Pflüger

Zurück zu den Wurzeln

Solidarische Landwirtschaft kann helfen, Bauernhöfe zu unterstützen –
THEMA 10/15 VOGELFREI

Obwohl etwas mehr als die Hälfte des Bodens der Bundesrepublik landwirtschaftlich genutzt wird, verzeichnet Deutschland einen deutlichen Rückgang der Landwirtschaft. Immer weniger Bauern bearbeiten heute mit Maschinen immer größere Flächen und bauen an, womit sich der größte Ertrag erwirtschaften lässt. Die meisten Bauern hängen mit ihren Höfen von den Welt- und nationalen Preisen der Produkte ab. Sind Erzeugnisse immer günstiger zu erwerben, verdienen die Bauern selbst weniger Geld und müssen mehr erwirtschaften. Kleinbauern haben es in diesem Fall besonders schwer. Alles was sich also schneller, billiger und in größerem Maßstab erzeugen lässt, wird auch produziert. Das wirkt sich auch auf die Arbeitskräfte aus: Festangestellte sind auf den Höfen immer seltener, Saisonarbeiter übernehmen die Aufgaben für weniger Lohn. Immer weniger Bauern können sich die Landwirtschaft noch erlauben, viele geben ihre Höfe und Wirtschaft auf. Die endgültigen Ergebnisse der Landwirtschaftszählung 2010, 2015 veröffentlicht vom Statistischen Bundesamt, erfassen 299.100 landwirtschaftliche Betriebe, etwa 22.500 weniger als im Jahr 2007. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe finden sich in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt.

Nur noch in seltenen Fällen erben die Kinder den Hof der Eltern und werden selber Bauern. Ganz im Gegenteil: Gerade die junge Generation zwischen 18 und 24 Jahren verlässt das Land und zieht in die Städte. Und die Metropolen und Ballungsräume Deutschlands wachsen zusehends. Die großen Städte bieten vielseitigere Betreuungs-, Beschäftigungs- und Bildungsmöglichkeiten und eine bessere Infrastruktur. Universitätsstädte ziehen viele junge Leute an. Auch die mittlere Altersklasse, die öfter in die Vororte und Randbezirke, hinaus aus den Innenstädten zog, bleibt jetzt eher in den Citys. Alleine im Ballungsraum Rhein-Ruhr leben über 11 Millionen Menschen, gefolgt vom Raum Berlin-Brandenburg mit 5,96 Millionen und München mit 5,52 Millionen Einwohnern. Je mehr die Städte wachsen, desto mehr Raum nehmen sie ein. Eine Umnutzung von landwirtschaftlichen Flächen zum Ausbau der Städte wird also über kurz oder lang eine Option darstellen.

Doch den Städtern fehlen scheinbar das Land und das Grün. Langsam findet ein Umdenken statt. Kleine Projekte wie Selbstpflückgärten und Urban Gardening werden immer beliebter. Kindern wird der Besuch eines Bauernhofes in den Schulen als Unterrichtseinheit geboten, zahlreiche Reiseveranstalter haben das ländliche Leben als Abenteuerurlaub im Programm.

Ist es den Städtern so möglich, die langsam verschwindende Landwirtschaft zu erhalten? Gibt es vielleicht sogar Möglichkeiten, an der noch bestehenden Landwirtschaft zu partizipieren? Das können sie, indem sie zu Mitlandwirten werden. Die solidarische Landwirtschaft (SOLAWI) ist sowohl für die Landwirte als auch für die partizipierenden Bürger von hohem Nutzen. Gerade Kleinbauern können von solchen Projekten profitieren. Über 80 SOLAWIs existieren derzeit in Deutschland und es werden immer mehr. In der solidarischen Landwirtschaft wird der normale Bürger zum Mitlandwirt. Es bilden sich Kerngruppen, die den Wunsch haben, ihre Lebensmittel oder Pflanzen von einem Bauernhof oder einer Gärtnerei zu beziehen. Es wird festgelegt, welche Produkte benötigt werden und welche Aufgaben und Verantwortungen die Gruppe im Gegenzug bereit ist zu übernehmen. Bauern in der Nähe werden kontaktiert oder alte Höfe übernommen und überlegt, wie man ein solches Projekt umsetzen kann. Die privaten Haushalte zahlen eine gewisse monatliche Summe an den betreffenden Landwirt. Dadurch ist der Bauer nicht mehr dem Prinzip des „Höher, Schneller, Weiter“ und gewissen Preiszwängen unterworfen und kann unabhängige Landwirtschaft betreiben. Es wird darauf geachtet gemäß der heimischen Kulturlandschaft Flora und Fauna zu schonen und nachhaltig und umweltbewusst zu produzieren. Die Mitlandwirte zahlen aber nicht nur einen Obolus, sondern helfen gegebenenfalls bei der Ernte oder unterstützen die SOLAWI anderweitig. Dadurch ergeben sich neue Erlebnis- und Lernwelten, Produkte werden frisch vom Feld oder aus der eigenen Produktion an die Teilnehmer abgegeben. So ist es nicht nur möglich, unabhängig von Supermärkten regionale Produkte zu beziehen, man unterstützt sowohl die Umwelt, das Miteinander, und das Wissen um den Ursprung der eigenen Lebensmittel. Mit Hilfe solcher Projekte schließen sich das Leben auf dem Land und in der Stadt keineswegs mehr aus. Gerade Kleinbauern und regionale Höfe können so unterstützt werden und müssen nicht im Zuge des Rückgangs der Landwirtschaft schließen. Wissen um den Beruf des Landwirts, der schließlich einer der ältesten der Welt ist, und über den Anbau und die Erzeugung von Produkten, wird auf diesem Wege weitergegeben.

Autor

NINA RYSCHAWY

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