Zeiten des Aufruhrs

Foto: Krafft Angerer

Zeiten des Aufruhrs

Arnolt Bronnens abstruses Separatistenstück „Rheinische Rebellen“

Der zappelige Politclown und wildgewordene Separatist trägt den Namen Occc. Ist also ein Fleisch gewordenes Parteien-Kürzel, das auch noch ernsthaft von sich behauptet: „Ich bin unschuldig an meinen Ansichten, eigentlich hab‘ ich gar keine.“ Die öffentliche Wahlrede hält er trotzdem und verspricht Geld, Getreide, Fleisch – alles, was das Volk so braucht. Der 1. Weltkrieg ist gerade vorbei, Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Soldaten, Arbeiter, Räte und ein paar hoffnungsfrohe Demokraten rangeln um die Vorherrschaft. Ort der Handlung ist das Rheinland, das zwischen 1919 und 1923 zum Objekt separatistischer Begierde wurde.

Arnolt Bronnen hat diesem historischen Prozess 1925 in seinem Stück „Rheinische Rebellen“ ein obskures Denkmal gesetzt. So wie der zunächst linke Autor sich später den Nazis anbiederte und noch später in der DDR landete, so ist sein Stück ein Monstrum zwischen expressionistischem Pathos, politischer Demagogik und Triebbefriedigung. Ein dramatisches Ungetüm, das allerdings merkwürdig hohl bleibt und weder die Erotik der Macht analysiert, noch Erotik und Politik zusammendenkt wie beispielsweise Sartres „Die schmutzigen Hände“. Bronnens Rebellensaga lebt ausschließlich von ihren erotischen Verstrickungen, Politik verkümmert zur unbeleuchteten Folie – auch wenn Regisseur Sebastian Baumgarten historische Infos und Bilder heutiger Separatistenbewegungen einspielen lässt. Der Hampelmann Occc ist bei Jörg Ratjen zudem mehr neurasthenischer Narziss als Charismatiker. Nichtsdestotrotz verfallen die Frauen dem Alphamännchen gleich reihenweise. Da ist zunächst seine Assistentin Pola, bei Yvon Jansen ein Energiebündel im hautengen Lederanzug. Typ Straßenkämpferin mit Revolvern im Gurt wie eine Westernheldin kurz vor dem Showdown. Sie ist die treibende politische Kraft, die aber auch den letzten Posten in Aachen alleine halten kann.

Doch bis es soweit ist, müssen alle Figuren durch ein revolutionäres Roadmovie zwischen Trier, Koblenz, Wiesbaden und Mainz. Stationen, die Bühnenbildner Thilo Reuther in ein zweidimensional-abstrahiertes, rot-schwarzes Drehbühnen-Tableau aus Bar, Telefonzellen und Hotelinterieur gepresst hat. Polas erste Demütigung trägt den Namen Gien (Carolin Conrad), eine nationalistische Großbürgerstochter am Rande des Nervenzusammenbruchs von höchster Eleganz (Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes). Sie widersteht zwar zunächst dem Erotomanen, worauf der sich an der handfesten Schwester Erle (Kristin Steffen) schadlos hält. Dann allerdings verfällt auch Gien dem Separatisten und es entsteht eine abstruse Ménage-à-trois. Komplettiert wird das Geschehen durch Giens und Erles Mutter: Birgit Walter als Frau Vonhagen wütet im Faltenkleid mit Gewehr im Anschlag wie weiland Joan Crawford im Western „Johnny Guitar“. Dass Baumgarten die Liebe zwischen Schwestern und Mutter ebenfalls mit erotischen Andeutungen versieht, macht die schwüle Separatistenposse perfekt. Was uns das heute noch sagen soll, bleibt  ein Rätsel.

„Rheinische Rebellen“ | R: Sebastian Baumgarten | 6., 15., 23.1. 19.30 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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