„Wie tierisch sind wir?“

Kathrin Mayr, Foto: Karoline Weber

„Wie tierisch sind wir?“

Kathrin Mayr dramatisiert am Theater im Bauturm „Das hündische Herz“

Gegen ein gutes Stück Pferdewurst hat Lumpi nichts einzuwenden. Die Revolutionszeiten sind hart und es gibt nicht viel zu beißen. Wenn also ein Medizinprofessor einen räudigen, aber hochreflektierten Straßenköter wie Lumpi schon bittet… Aber Professor Preobashenski und sein Assistent Bormental sind durchgeknallte Wissenschaftler, die an Methoden zur Verjüngung des Menschen arbeiten. Sie pflanzen Lumpi Hypophyse und Hoden eines Kleinkriminellen ein. Anstatt sich zu verjüngen, verwandelt sich der Kläffer zum Genossen Lumpikow und kläfft mehr denn je. Mit der Erzählung „Das hündische Herz hat Michail Bulgakow 1925 eine beißende Satire über die Selbstüberschätzung des Menschen verfasst, über wissenschaftliche Experimente ohne Ethik und ideologische Verklärung des neuen Menschen. Ein Gespräch mit Regisseurin Kathrin Mayr, die die Erzählung am Theater im Bauturm auf die Bühne bringt.

choices: Frau Mayr, wie viel Tierisches steckt in uns Menschen?
Kathrin Mayr: Das ist genau die Frage, die Bulgakows Erzählung so interessant macht. Wie tierisch sind wir? Wie stark sind die Triebe? Wir stark ist der Wille zur Konkurrenz und zur Macht? Wo sind wir als Mensch gefangen in unseren Strukturen? Wir haben es mit drei Figuren zu tun: Dem Hund Lumpi, der zum Genossen Lumpikow wird, Dr. Bormental und Professor Preobrashenski. Tatsächlich geht die Erzählung genau der Frage nach, wie viel Es und wie viel Ich, wie viel Tier und wie viel Mensch in diesen Figuren vorhanden ist.

Dr. Preobrashenski pflanzt dem Hund Lumpi Hoden und Hypophyse eines Kleinkriminellen ein. Was ist sein Antrieb?
Es gibt viele Analogien zu „Faust“ oder „Frankenstein“ und selbstverständlich zu Bulgakows späterem Roman „Der Meister und Margarita“. Tatsächlich sucht der Professor nach einer Methode zur Verjüngung des Menschen. Schon mit seinen bisherigen Verjüngungskuren hat er in Moskau großes Ansehen erlangt. Der Professor und der Doktor wollen dem Tod ein Schnippchen schlagen. Bulgakow bezieht sich dabei auf Experimente zu seiner Zeit, bei denen Menschen Geschlechtsorgane von Tieren eingesetzt wurden, um sie zu verjüngen.

Bulgakow war selbst Arzt?
Ja, er war praktizierender Arzt, bis er Schriftsteller wurde. Die Experimente des Prof. Preobrashenski schwanken also zwischen dem Verweis auf tatsächliche Versuche und der grotesken Übersteigerung. Auch heute haben wir es mit Versuchen zu tun, bei denen man nicht mehr ausmachen kann, bis wohin der normale Menschenverstand reicht und wo der Irrsinn beginnt.

Die Geschichte ist randvoll mit Versuchen, neue Menschen zu schaffen, und ihren missglückten Ergebnissen. Was treibt uns dazu, Gott spielen zu wollen?
Die Frage der Sterblichkeit ist ein großes Thema für den Menschen. Wenn es keinen Gott mehr gibt, dann müssen wir uns selbst an seine Stelle setzen. Darin soll dann die Rettung liegen. In Bulgakows „Das hündische Herz“ steckt allerdings auch das Thema von der Schaffung eines neuen Menschen. Preobashenski weiß sehr genau, was er geschaffen hat. Er kennt auch die Gefahren dieser OP, die anstatt zur Verjüngung zur Vermenschlichung des Hundes geführt hat. Die Hybris und Selbstermächtigung sind dabei das Thema. Kaum hat man einen Verstorbenen gefunden, schlachtet man diesen Menschen aus, um mit dessen Organen bei dem Hund zu experimentieren. Bulgakow beschreibt, wie Preobrashenski kurz zuvor einer 51-jährigen Frau die Eierstöcke eines Affen eingepflanzt hat. Die Parallelen zur heutigen Gesellschaft der Selbstoptimierung und des Mithaltenwollens sind offensichtlich.

Zur Person:
Kathrin Mayr studierte zunächst Kunst und Literaturwissenschaft, später Regie an der Theaterakademie Hamburg. Dazwischen arbeitete sie als Regieassistentin bei Christoph Schlingensief und am Theater Osnabrück. Sie arbeitet als freie Regisseurin am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, am Landestheater Detmold sowie in der freien Szene (steirischer herbst Graz, Theaterdiscounter Berlin und Theater im Bauturm). Foto: Karoline Weber

Die Erzählung beschreibt anschaulich, wie sich Lumpi allmählich in den Genossen Lumpikow verwandelt. Wie lässt sich das auf der Bühne anschaulich machen?
Wir hatten schon eine große Freude an der literarischen Qualität von Alexander Nitzbergs neuer Übersetzung, die sehr deutlich die unterschiedlichen Erzählperspektiven herausarbeitet. Die Erzählung springt vom Blick des Hundes auf das Geschehen zu den Aufzeichnungen von Bormental bis zum allwissenden Erzähler. Man muss sich diese Erzählung als große Montage vorstellen. In unserer Fassung wird es drei Schauspieler geben, die zwischen den unterschiedlichen Haltungen hin- und herswitchen. Wir versuchen sehr viel über die Behauptung und spielerische Lösungen nachvollziehbar zu machen und verzichten weitgehend auf eine Bebilderung des verkleideten Hundes, der immer mehr in einen Menschen verwandelt.

Wie sieht diese Hundeperspektive aus?
Der Hund ist zu Beginn mit einem hohen Maß an Selbstreflektion ausgestattet. Das wird von den Menschen völlig zerstört. Auch wenn er zu einer Sprache findet und zum Familienmitglied wird. Bevor Lumpikow am Ende wieder zu Lumpi zurückoperiert wird, brechen auch bei dem Professor und dem Arzt tierische oder besser gewaltbereite Triebe durch, wenn sie dieses missratende Wesen zunächst einfach umbringen wollen.

Wie integer oder wie korrumpiert ist diese Gesellschaft?
Uns interessiert auch die Doppelmoral dieser Gesellschaft. Der Professor fordert Dinge von Lumpikow, die er selbst nicht einhält. Es geht auch um die Frage der Verantwortung für diesen kleinen gesellschaftlichen Kosmos, den Bulgakow in dieser Wohnung verortet. Die Figuren ringen permanent miteinander um Macht, sie verfallen in Ohnmacht oder in eine übersteigerte Selbstwahrnehmung.

Wie integriert sich Lumpikow mit seinen vermenschlichten Trieben in die Gesellschaft?
Das spielt bei uns eine große Rolle. Darin liegt auch die Frage, wer hat Macht über wen und wer pocht wie stark auf sein Recht. Und wie wird weiter auf der Leiter der Hierarchie nach unten getreten. Es wird beschrieben, wie Lumpikow schon als Hund auf Katerjagd geht und dann zum Vorsitzenden der städtischen Katzenbeseitigung wird. Oder er besteht auf seinen Papieren, weigert sich aber in den Krieg zu ziehen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Es gibt für niemanden eine Rettung. Das ist schon eine ziemlich düstere Dystopie.

Beziehen Sie sich wie Bulgakow auf die frühe Sowjetunion oder auf heutige Verhältnisse?
Wir werden das nicht konkret verorten, sondern verlegen das Geschehen eher in einen universellen Mikrokosmos, an dem sich auch gegenwärtige Fragenstellungen ablesen lassen.

Wenn man nachliest, wie weit die Gen- und die KI-Forschung bereits ist, kann man dann nur noch mit einer Groteske antworten?
Dem ist so. Trotzdem hat auch diese Erzählung für heutige Verhältnisse ein erschreckendes und eben zugleich komisches Potential. Das Thema soll verstören, aber auch Spaß machen.

„Das hündische Herz“ | R: Kathrin Mayr | 12.(P), 14., 21., 26.5. je 20 Uhr, 20.5., 27.5. je 18 Uhr | Theater im Bauturm | 0221 52 42 42

INTERVIEW:

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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