Wenn die Lust das Leben bestimmt

„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ Foto: Birgit Hupfeld

Wenn die Lust das Leben bestimmt

Paolo Magellis Inszenierung von Pommerats „Wiedervereinigung der beiden Koreas“ schmaust durch Da Vincis Abendmahlbild

Mit viel Rotwein geht vieles. Selbst die 57 Rollen spielen, während man in Leonardo Da Vincis Abendmahlszenerie in strahlendem Weiß hockt oder fuhrwerkt. So funktioniert Paolo Magellis Inszenierung vom Spiel um die Liebe: mit Alkohol, mit üppigen Gerichten und viel nackter Haut. Klar, Liebe und Eros sind verbandelt, oft, zu oft, zu selten, vielleicht. Autor Joël Pommerat (Jahrgang 1963) ist alt genug, das zu wissen, sein Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist eigentlich unpolitisch. Es ist eine Metapher für die Geschlechter, deren Kampf um alles und nichts und um die Absurditäten und Monstrosität des täglichen Daseins im Angesicht der vielleicht nur vorgestellten nackten Körper. Dass das Abendmahlbild selbst auch nur so eine Art Metapher ist, könnte man an den eingeflochtenen Pfandflaschen in Geländer und Balustraden erkennen; die Pappsäulen, den Bauschaum zwischen dem Styropor, 16 Euro verbautes Pfand habe ich gezählt–die nur noch neun Jünger haben also allen Grund, auf Wasser zu Wein und das allgemeine Brot teilen zu hoffen, später gab es von der Regie auch noch endlos Weintrauben und Gebäck, also alles gut im alten Jerusalem-Megastore (tolle Bühne: Christoph Ernst). Oder doch nicht? Am Anfang ist jedenfalls das Mineralwasser. Jesus kann gerade noch konsterniert das Glas unterm Tisch gegen roten Wein eintauschen, da muss er auch schon „fiat lux“ rufen und die Jünger strömen herbei. Hinter dem Tisch hervor, die beiden Treppen hinunter. Oben drüber thront ein weißer Raum mit Quadranten-Einteilung. Warten wir es ab.

Erste von 20 Szenen: Sie will die Scheidung, weil die Liebe fehlt, die Kinder sind endlich aus dem Haus, man musste halt warten. Er versteht es nicht. Doch sie hat alles geplant. Zweite Szene: Die Scheidung ist perfekt, ohne Grund, trotz Liebe, quasi als Erziehungsmaßnahme, er kommt bestimmt zurück, doch leider baumelt Patrice schon am Türrahmen. Da kann France Gall vom Rhein trällern wie sie will, blöd gelaufen, die Szenen fließen choreografisch ineinander, die ersten Freudentränen vor Lachen bei den Zuschauern auch. Besoffen heiraten ist nämlich auch doof und das Dortmunder Ensemble läuft sich langsam aber sicher warm. Da ist Constantin, der tote Sandkastenfreund, der plötzlich im Zimmer steht, der Ex-Mann taucht auf. Die Sekretärin weiß nicht, ob der Chef sie verführt hat. Jetzt beginnen die köstlichen Nacktszenen.

Paolo Magelli inszeniert das als atemlosen Reigen mit Kostümwechseln ohne große Requisiten, seine Spieler tauchen hinter dem Abendmahltisch ab und wieder auf, sie verfolgen die Szene von dort, essen und trinken, feixen und starren und sie starren gern – und fotografieren. Spannertum oder reine Körperlichkeit steht immer im Vordergrund, auch die Kostüme (Mona Ulrich) sind ausgezeichnet. Manchmal unterbricht die Ernsthaftigkeit die wilde Hatz durch die Gefühlswelten: Wenn der Lehrer einen Schüler, der ins Bett gemacht hat, beim Klassenausflug schützen will und er diesen hilfsbereit, aber gedankenlos, in seinem eigenen Zimmer umkleidet, ihm das Direktorin und Eltern des Jungen aber nicht mehr abnehmen. Auch die Liebe zum Vaterland ist nicht so einfach abgehakt. Doch immer wieder finden Regie, Dramaturgie und Schauspieler einen Weg aus der aufkeimenden Betroffenheit und wenn es nur darum geht, einen Pastor bei einer Hure schlecht aussehen zu lassen. Aus Liebe wird alles gut, aus Liebe wird auch Kampf, der Pastor verliert seine Lebenszeit, die Anni zum wiederholten Mal in der Anstalt ihr Kind. Ab und an taucht Jesus auf, helfen kann er nie, ob er nur für den Rotwein zuständig ist kann ich nicht wirklich belegen. Aber an einen Film von Pete Segal (Regie) und Drew Barrymore (Hauptrolle) fühlte ich mich doch erinnert (50 erste Dates, USA 2003), als ein Unfall eine Ehe nach 17 Jahren zerreißt und täglich im Rollstuhl wieder neu erklärt werden muss. Aus diese Szene stammt auch das titelgebende Zitat mit den Koreas. Aber die Regie hat noch mehr Zitate aus Film- und Theaterhistorie versteckt.

Das Ende gehört wieder der bezahlten Liebe–wohl als Frauenfantasie. Sie will Liebe für 150, für 100, 50, zehn Euro. Für umsonst zieht sie ihn hinter die Bühne. Lug und Trug, Macht und Missbrauch, Akteur und Voyeur, sie alle (und zwar ohne Ausnahme) holen sich jetzt den wohlverdienten Ensemble-Applaus ab. Auch bei mir.

„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ | R: Paolo Magelli | Fr 28.4., Do 4.5., So 28.5. 19.30 Uhr | Theater Dortmund Megastore | www.theaterdo.de

Autor

PETER ORTMANN

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