„Vielen Männern nimmt es den Spaß, wenn sie gegen eine Frau verlieren“

Kathleen Letsch, Foto: privat

„Vielen Männern nimmt es den Spaß, wenn sie gegen eine Frau verlieren“

Counterstrike-Spielerin Kathleen Letsch über Geschlechterrollen in der Gaming-Szene – Thema 03/18 Spielfrauen

engels: Kathleen, wann hast Du das Gaming für Dich entdeckt?
Kathleen Letsch: Das fing zu meiner Kindheit an: Mein großer Bruder hat damals Counterstrike gespielt, und da wir uns immer gemessen haben, war ich schnell mit dabei. Abgesehen von dem Eifer meinen Bruder zu besiegen, habe ich dann gemerkt, dass mir das Spiel auch richtig Spaß macht. So fing das an. Da war ich etwa zwölf Jahre alt.

Wieso hat Dich gerade Counterstrike so begeistert, es gilt ja eher als „Männerspiel“?
Vielleicht gerade deshalb, ich fand schon immer, dass Sachen die als „typisch Frau“ gelten, nicht zu mir passen. So hab ich in jungen Jahren auch schon Fußball gespielt. Allerdings weiß ich nicht, ob ich selber so auf die Idee gekommen wäre, gerade Counterstrike zu spielen.

Wie kam der Entschluss, professionell zu spielen?
Einen wirklichen Entschluss gab es nicht. Am Anfang gab es nur den Ehrgeiz immer besser zu werden, und so habe ich mich viel mit dem Spiel auseinandergesetzt. Dann habe ich erfahren, dass es dafür eine Liga mit richtigen Turnieren gibt – sogar nur für Frauen. Das fand ich super, und ich habe die verschiedenen Mannschaften angeschrieben, um mitzumachen. Was eigentlich unüblich ist, dennoch habe ich schließlich eine kleine Mannschaft gefunden. Nach einiger Zeit sind die größeren Mannschaften auf mich aufmerksam geworden, bis ich bei den Besten mitgespielt habe.

Gibt es für dich Spiele die eher „Männerspiele“ sind oder eher „Frauenspiele“?
Ich denke, das Angebot für Spiele ist sehr breit gefächert, und dass dort für Jeden etwas dabei ist. Das es tendenziell mehr Spiele für Männer gibt rührt daher, dass mehr Männer eben schon spielen und die Hersteller diesen Markt nicht verlieren möchten.

Ist Zocken denn eher Männersache?
Vor einigen Jahren war das sicher durchaus so, mittlerweile hat sich das gewandelt. Aber es ist es noch gar nicht so lange her, dass die Frauen den Männern untergestellt waren. Früher war es einfach nicht angebracht, dass eine Frau sich in einem von Männern dominierten Bereich engagiert hat. In der heutigen Gesellschaft haben wir uns erst dahin entwickeln müssen, dass auch Frauen sich diese „Männer-Bereiche“ erschließen können. Gerade im E-Sport sehe ich, wie schnell sich die Dinge verändern und dass mittlerweile auch viele Mädels mitmischen. Das finde ich super. Im Gegensatz zum normalen Sport sind Frauen hier auch körperlich nicht benachteiligt.

Zu den Spielen: Gibt es weibliche Spielcharaktere, die dir besonders liegen?
Diese Frage ist für mich relativ schwierig, da ich außer Counterstrike nicht viele andere Spiele spiele. Natürlich fallen mir Lara Croft und diese „sexy Frauen“ ein. Allerdings sind das keine starken Charaktere, und die Darstellung hat auch wenig mit der Realität zu tun.

Das heißt bei Counterstrike gibt es gar keine weiblichen Charaktere?
Genau, wobei mich persönlich das auch nicht stört. In einem Brettspiel wie „Mensch ärgere Dich nicht“ gibt es auch keinen geschlechtlichen Bezug zu den Spielfiguren. Das ist meiner Meinung nach bei Counterstrike genau so.

Du hast eben die unnatürlichen „sexy Frauen“ vieler Spiele erwähnt. Denkst Du, diese Darstellung fördert ein sexistisches Frauenbild?
Ich denke nicht, dass diese Darstellung nur in Computerspielen existiert und dort besonders schlimm ist. Zumindest nachdem, was ich bislang gesehen habe. Ich bin mir zudem sicher, das sich Männer, die Spiele mit solchen Charakteren spielen, der Fiktion bewusst sind.

Hast Du persönlich schon Sexismus in der Gamer-Szene erlebt?
Ja, das habe ich von Anfang an erlebt, wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum es extra Turniere für Frauen gibt. Schon am Anfang auf den privaten LAN-Partys, zu denen ich meinen Bruder begleitet habe, kam öfter der Kommentar „Was machst Du denn hier?“. Meistens war ich dort die einzige Frau. Vielen Männern nimmt es auch den Spaß, wenn sie gegen eine Frau verlieren. Und auch online, wenn man mich anhand meines Profilbildes als Frau erkannt hat, kamen entweder chauvinistische Sprüche oder unangebrachte Flirtversuche. Gerade meine Let‘s-Play-Videos werden oft ausfallend kommentiert aller „Zeig mir deine Brüste“. Als ich noch jünger war, hat mich das wirklich verletzt. Das kannte ich vorher nicht, dass Jungs einen so direkt verbal angreifen. Das könnte auch ein Grund sein, warum nicht so viele Frauen spielen – weil sie abgeschreckt sind. Gerade durch die Anonymität im Internet trauen sich die Leute einfach mehr Schwachsinn zu sagen. Damit musste ich auch erst lernen umzugehen. Der Name meines aktuellen Teams Make a Sandwich Yourself macht sich über dieses Verhalten auch ein wenig lustig.

Hat der Sexismus nach deiner Erfahrung über die Jahre ab- oder zugenommen? Geht er nur von Männern aus?
Sicherlich gibt es für alles Ausnahmen, aber Frauen machen so etwas eher nicht. Ich persönlich würde mich in den Boden schämen, solche Kommentare zu posten. Aber es ist in jedem Fall besser geworden. Das Female-Gaming findet mehr Unterstützung und Gleichberechtigung. Es gibt immer öfter Männer die sagen: „Toll, dass Du das machst“. Auch die blöden Kommentare sind ein bisschen weniger geworden, aber sie sind noch da.

Welche Entwicklung wünschst Du dir?
Generell bei den positiven Entwicklungen: Weiter so! Ansonsten würde ich mich freuen, wenn weibliche Spieler nicht direkt beleidigt oder angegraben werden. Man(n) sollte es lieber so sehen: Es ist auch nur ein Mensch der gerne mitspielen möchte, halt ein weiblicher, das ist kein Weltuntergang.

Zur Person
Kathleen Letsch (26) ist seit elf Jahren als professionelle Counterstrike-Spielerin auf Turnieren aktiv. Sie absolviert eine Ausbildung als Fachinformatikerin mit dem Schwerpunkt Anwendungsentwicklung.

INTERVIEW:

CATHARINA CHLUPATY

Dieser Artikel erschien auf www.engels-kultur.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.engels-kultur.de/thema

0