Tragisches Adrenalin

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, Foto: Thilo Beu

Tragisches Adrenalin

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ am Theater Bonn

Was Bertolt Brecht einmal den Dramen des Kanons vorgeworfen hat, gilt längst für seine eigenen Stücke: das Erstarren in Klassizität. Weshalb sich Regisseure lange bevorzugt auf sein Frühwerk gestürzt haben. Die junge Laura Linnenbaum setzt nun „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ gleich von zwei Seiten unter Strom. Sie pumpt das Drama um die Heilsarmistin Johanna Dark in den Schlachthöfen Chicagos und den Fleischbaron Pierpont Mauler mit Elementen der Tragödie und der Groteske gleichermaßen auf. Mit überzeugendem Ergebnis.

Die glatzköpfigen Schlachthofmultis ähneln einer Mischung zwischen Nosferatu und Grosz-Karikaturen, sie agieren mit expressiv aufgeladenen Gesten, die an den Stummfilm der 1920er erinnern. Über allen thront der Fleischbaron Pierpont Mauler im Pelzmantel, ein Clemens Tönnies der Vergangenheit, der für sich hehre Gefühle und Moral in Anspruch nimmt, zugleich aber seine Konkurrenten brutal in die Knie zwingt. Die Tragödie findet ihren Ort schon in den Riesenstufen, die Valentin Baumeister für die Kammerspiele entworfen hat. Sie bildet die gesellschaftliche Hierarchie ab, führt aber auch von der Hölle direkt in den Himmel. Die Arbeiter sind Lemuren in Unterwäsche mit Marke im Ohr. Arbeitsvieh = Schlachtvieh. Zu düster dräuender Musik macht sich Maike Jüttendonk als emphatische Johanna mit Lamm-Plüschtier (Achtung: Agnus Dei) auf ihre idealistisch unterfütterte Überzeugungstour und wird allmählich immer mehr zum Werkzeug der Fleischmultis. Bis sie sogar den Generalstreik unterläuft. Mit einem tragischen Aufschrei erkennt sie ihr Versagen und lässt sich als gekreuzigt-blutige Ikone der Schlachthöfe hinrichten.

Laura Linnenbaum lädt Brechts etwas didaktisches Stück mit tragischem Adrenalin auf, verweist auf die Entstehungszeit wie auf die Gegenwart, lässt immer wieder den christlichen Kontext anklingen und aktiviert den kapitalistischen Verwertungszusammenhang als groteske übersteigertes Feld, ohne ihn deshalb zu verniedlichen. Auch wenn die Regie Probleme hat, zum Schluss zu kommen, eine spannende Interpretation eines etwas abgestandenen Klassikers.

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ | R: Laura Linnenbaum | 31.10., 26.11. 18 Uhr, 10., 17.11. 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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