Tanz auf dem Vulkan

„Cabaret“ Foto: Martin Mazur

Tanz auf dem Vulkan

„Cabaret“ im TiC in Wuppertal

Wenn sich der Vorhang im mit Rotlicht-Tischlampen stilecht ausgestatteten TiC hebt, ist man gleich drin im vergnügungssüchtigen Berlin der 1930er Jahre. Im Bühnenhintergrund prangt in Leuchtschrift das Wort „BAR“, das sich dann zu „CABARET“ erweitert – und der Tanz auf dem Vulkan beginnt. Eingeleitet von einer der schillerndsten Figuren der Musical-Geschichte, dem Conferencier, dem einst Joel Grey in der legendären Verfilmung von Bob Fosse (1972) zu Weltruhm verhalf. Nicht dass Leon Gleser diese geniale Performance vergessen macht, aber er lässt durch seine eigenständige Interpretation auch keinen Gedanken daran aufkommen. Nicht zuletzt, weil er seine jugendliche Ausstrahlung mit einer diabolischen Hintergründigkeit zu verschmelzen versteht. Er ist auch mit seinen Kommentaren und Songs das Bindeglied zwischen den beiden Handlungssträngen: Der Geschichte des amerikanischen Schriftstellers Clifford Bradshaw (sympathisch: Dennis Gottschalk), der sich in die Nachtclubsängerin Sally Bowles verliebt und die späte Liebe seiner Pensionswirtin Frl. Schneider (Monika Owart) zu dem jüdischen Obsthändler Herr Schultz (Hans-Willi Lukas), die der böse Nazi von nebenan (schön fies: Joachim Kirchner als Ernst Ludwig) perfide hintertreibt.

Regisseur Ralf Budde hat mit seinem engagierten Laien-Ensemble eine der rundesten Musical-Inszenierungen hingelegt, die ich je am TiC gesehen habe. Und er hat wieder eine Darstellerin entdeckt, der man den Sprung auf die professionelle Musical-Bühne wünscht: Anastasiia Jungks reife Leistung als Sally gipfelt in dem jazzig gesungenen „Maybe This Time“ und dem Titelsong „Cabaret“. Das ist große Show! – Nicht weniger überzeugen Monika Owart und Hans-Willi Lukas in ihren bewegenden Liebes-Duetten „Ananas“ und „Heirat“: sie mit schöner Stimme und er mit berührender Tolpatschigkeit. Dazu sorgen die quirrligen Kit Kat Girls (Mirca Szigat, Jeannine Divoux, Lara Kocherscheidt, Kerstin Trant) fürs stimmiges Cabaret-Feeling. Choreografiert von einem Könner seines Fachs, dem durchs Fernsehen (u.a. „DSDS“) und auch als Musical-Darsteller (u.a. „Die Schöne und das Biest“) bekannt gewordenen Paul Kribbe.

Budde hat sich noch einen besonderen Inszenierungs-Coup ausgedacht: Er entlässt das Publikum nicht, wie das Original, mit einem mulmigen Gefühl mit der von einem Hitler-Jugend-Chor gesungenen Nazi-Hymne „Der morgige Tag ist mein“, sondern gut gelaunt in die Pause. Dafür drückt er es zu Beginn des zweiten Aktes umso tiefer in den Sessel, wenn Frl. Schneiders mannstoller Pensionsgast Fräulein Kost (mit emphatischer Bühnenpräsenz: Saskia Deer) das Lied dem konsternierten Ernst Ludwig an den Kopf singt. Ein musikalisch pointiertes Ausrufezeichen, dem auch der musikalische Leiter Stefan Hüfner mit seinen auch Jahrmarktsorgel-Klänge einarbeitenden Arrangements weitere hinzufügt und so den Songs von John Kander und Fred Ebb neue Reize abgewinnt.

„Cabaret“ | R: Ralf Budde | 2., 3., 9., 10., 16., 17., 23.6. je 20 Uhr, 4.6. 11 Uhr | TiC Theater, Wuppertal | 0202 47 22 11

Autor

ROLF-RUEDIGER HAMACHER

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