Survival of the fittest im Fatsuit

Foto: Pramudiya

Survival of the fittest im Fatsuit

Analogtheater zeigt „Die Psychonauten: Asche“ an der Studiobühne

Die ersten Menschen waren so nackt, wie die letzten es sein werden. Dazwischen liegt das Unbehagen an der Kultur. In Konstantin Küsperts Monolog „Asche“ ist die die Zivilisation einem Wirbelsturm der Zerstörung gewichen. Eine (Atom-)Katastrophe hat das Land verwüstet und nichts übrig gelassen bis auf eine einzige Kreatur. Ein einsames Wesen, dessen Synapsen allerdings die alte kulturelle Prägung noch nicht losgeworden sind. In Daniel Schüßlers Adaption „Die Psychonauten: Asche“ ist aus dem (survival of the) fittest ein Quartett in „nackten“ Fatsuits geworden. Derangierte Körper, in die sich die Spuren der Zeit und einer ungesunden Umwelt eingegraben haben.

Der Gedanke, die Erde zerstört zu haben, lässt die Viererbande (Dorothea Förtsch, Lara Pietjou, Ingmar Skrinjar, Tim Stegemann) immer wieder in bösartiges Lachen ausbrechen. Die zu Beginn eingespielte Cembalo-Suite von Johann Sebastian Bach und das historische Gemälde im Bühnenhintergrund geben zwar einen letzten Abglanz kultureller Errungenschaft. Im Höllengelächter der vier Performer („Wir haben die Erde sterilisiert“) aber offenbart sich der Triumph des Anthropozän, das sich in seiner eigenen Zerstörung vollendet hat. Zwischen retrospektiver Ironie und basalen Instinkten vollzieht sich nun das neue Leben: Wenn von der Stadt die Rede ist gehen alle im Gleichschritt; eine Dose Ravioli wird zum Ziel eines Wettlaufs; ein Hexenschuss beendet den aufrechten Gang und auch der Gedanke an Selbstmord dämmert kurz herauf. Der Monologtext wandert durch die vier Performer, wird mal solo, mal chorisch gesprochen. Die Bühnenbildprojektionen von Michael Schmitz zerfließen ständig zu neuen abstrakten Form- und Farbkompositionen.

Daniel Schüßler choreographiert ein strenges Ballett der Apokalypse, das aller ironischen Expressivität zum Trotz mit einer düsteren konservativen Kulturskepsis getränkt ist. Verweise auf Hochkultur verbreiten wenig Zuversicht auf zivilisierende Wirkung. Menschlich-Allzumenschliches dagegen schillert in wildesten Untergangs-Farben. Küsperts Idee der umfassenden Vereinsamung des Individuums begegnet das Analogtheater mit einer „Veräußerlichung“ der inneren Stimmen in selbstständige Protagonisten. Das dämpft zwar die Idee des Autors etwas ab, formt aber einen Chor der Alter Egos, der die unterschiedlichen Farben der Selbstkritik und Selbstbeweihräucherung, der Selbsttäuschung und -entlarvung des Subjekts instrumentiert.

Inklusive einer nicht zu tilgenden Sehnsucht nach dem Tod, die allerdings ein nicht minder starkes Pendant hat: So düster der Untergang des Abendlandes zu sein scheint, das Quartett entkommt nicht der quälenden Hoffnung, die ein Löwenzahn (!) plötzlich aufschimmern lässt. Die Schönheit und Erhabenheit der Pflanze gerät zum Symbol und ruft doch nur ein unzerstörbares Ritual des Lebens hervor: „Leider gibt es schon wieder Hoffnung – verdammter Kreislauf.“ Hoffnung und Todessehnsucht als Wiederkehr des Immergleichen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ein Abend, dessen Ästhetik, Rhythmus und Dramaturgie weit über Produktionen des freien Theaters hinausgeht und so auch mit jeder Produktion des Stadttheaters konkurrenzfähig ist.

„Die Psychonauten: Asche“ | R: Daniel Schüßler | 13.-17.2.2019 je 20 Uhr | Studiobühne | 0221 470 45 13

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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