Stilübergreifendes Musikbuffet

Electro-Soul aus Berlin: Fritz Kalkbrenner, Foto: Vitali Gelwich

Stilübergreifendes Musikbuffet

Juicy Beats im Westfalenpark Dortmund – Popkultur in NRW 07/16

Das Juicy Beats hat‘s nicht leicht: Der 20-jährige Geburtstag fiel 2015 wetterbedingt ins Wasser, dieses Jahr stritten CDU und Grüne in Dortmund, ob das etablierte Festival weiter Zuschüsse erhalten soll. Die 25.000 Euro seien entbehrlich geworden, das Festival erfolgreich genug, meint die CDU. Nix da, meinen die Grünen. Ein Glück: Es bleibt es bei der Förderung.

Absolut angemessen: Denn das einstige Electro-Festival hat sich zum stilübergreifenden Musikbuffet gemausert. Wer es zum Beispiel dieses Jahr nicht geschafft hat, die zu Recht hochgelobten AnnenMayKantereit zu sehen, hat jetzt die Gelegenheit. Was die Headliner angeht, bleibt das Festival seinen elektronischen Wurzeln treu: Fritz Kalkbrenner bietet feinsten Sound aus dem Mutterland des Techno, Berlin. Und Deichkind schlagen eine Brücke zwischen Hip-Hop und Electro. Und auf dieser Brücke wird getanzt. Remmidemmi und so. Leider geil? Ja, stimmt wohl.

Apropos Hip-Hop: Der ist (mal wieder, nach den 2000ern) mitten im Mainstream angekommen – ohne dass die etablierten Künstler an Eigenwilligkeit eingebüßt hätten. Stichwort: Selfmade Records. Um das erfolgreichste Label der jüngeren Deutschrap-Geschichte ranken sich derzeit allerlei Auflösungs-Gerüchte. Umso spannender, dass auf dem Juicy Beats gleich zwei Crews der Düsseldorfer Independent-Plattenfirma sind: Einmal die sympathischen Essener Partyclowns und Reimketten-Schmiede, die 257ers. Und das Saarländer Duo Genetikk: Die exzentrischen Maskenmänner wagen die musikalische Zeitreise in die goldenen 90er – und schaffen einen gleichzeitig nostalgischen wie innovativen Sound. Die beiden sind, nebenbei bemerkt, richtige Arbeitstiere: Rapper Karuza studiert Medizin und Jura, ganz locker nebenbei, während Produzent Sikk die großen Philosophen liest, wenn er nicht gerade die rauen Beats baut, die die Seele ihrer Musik ausmachen. Wenn die beiden in ihre Live-Gigs genau so viel Eifer stecken, wie in den Rest ihres Schaffens, dürfen wir uns auf ein großartiges Konzert freuen. Außerdem zu Gast von Planet Hip-Hop: Chefket, der unterschätzteste Rapper der Nation, Mamas Liebling MoTrip und die Antilopen Gang – die einzige Hip-Hop-Band neben K.I.Z., dessen Publikum weiß, was Pogen heißt. Also wirklich Pogen, nicht blöd rumhopsen. Anspieltipp: „Beate Zschäpe hört U2“. Beates Kumpels vom Verfassungsschutz hören ja bekanntlich gerne Punk, besonders gerne von Feine Sahne Fischfilet. Die sind übrigens auch auf dem Juicy Beats zu sehen.

Und dann ist da zu später, ekstatischer Stunde noch das Electro-Line-up: Ante Perry, Tube & Berger, Wolf Music, um nur einige zu nennen. Nun, das größte Electro-Festival Deutschlands, so adelt die WAZ das Juicy Beats, ist es noch nicht. Das wichtigste Revier-Festival aber schon, unangefochten. Es fehlt nur ein bisschen, damit das Juicy Beats in einer Liga mit der Dreifaltigkeit des Festival-Sommers (Fusion, Hurricane, SummerJam) spielt.Think about it, CDU.

Juicy Beats | Fr 29.7. & Sa 30.6. | Westfalenpark Dortmund | www.juicybeats.net

Christian Meyer

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