Schlachtfeld der Phantasie

Foto: Sandra Then

Schlachtfeld der Phantasie

„Hamlet“ am Düsseldorfer Schauspielhaus

Auf den Plakaten im Zuschauerraum prangt das faltige Gesicht eines alten Haudegen. „A tribute to my father. Hamlet“ steht darunter. Schon darin liegt eine Provokation des dänischen Hofes, aber die Honoratioren machen gute Miene zum bösen Spiel. In der Mittelloge (Bühne: Claudia Rohner) thronen König Claudius und seine Frau Gertrud, linkerhand redet Ratgeber Polonius auf seine Kinder Ophelia und Laertes ein und rechts schwafeln die Pollunderboys Rosenkranz und Güldenstern. Auf der Vorbühne allerdings veranstaltet Hamlet und seine Band „Woods of Birnam“ sein Tribute-Konzert für seinen ermordeten Vater.

Hamlet, der melancholische Spieler, wird in Roger Vontobels bereits 2012 in Dresden entstandener Inszenierung zum Künstler, besser zum Sänger. Der Cantus firmus der Anklage transformiert sich in Kunst. Die Idee besticht insofern, als sie Melancholie, Protest, Zögerlichkeit und Defaitismus des Titelhelden kongenial mit dem Boderline-Habitus des Popstars verbindet, ohne sie darin aufzulösen. Und Christian Friedel ist ein faszinierender Hamlet, der dieses Konzept trägt. Die Szenen mit Ophelia (Cennet Rüya Voß) und später seiner Mutter Gertrud (Claudia Hübbecker) werden mit einer so brutalen Frauenverachtung ausgespielt, die nur notorisch zu nennen ist.

Vontobel blendet immer wieder vom Konzert in die Dialoge und verschiebt ständig das Aufmerksamkeitszentrum. Hamlets Mousetrap-Spiel, mit dem er dem König den Mord an seinem Vater nachweisen will, wird zum musikalischen Melodram, dem König Claudius (Christian Erdmann) zunächst nationalistische Lieder entgegenzusetzen versucht. Im zweiten Teil fährt die Logenwand zurück und gibt einen roten Steg frei. Hamlet wird zu einem Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs, getrieben von der Idée fixe der Rache. Die Inszenierung lässt die Szenen nun breiter ausspielen. Der Schluss ist dann pure Imagination. Aus dem berühmten Dialog über Yorricks Schädel entwickelt Hamlet einen Playground des Todes. Ophelias und Polonius‘ Leichen geben die Zuschauer für Hamlets finale Auseinandersetzung: Das Duell mit Laertes, der vergiftete Becher von König Claudius, das Sterben von Gertrude – alles ein imaginiertes Kinderspiel im Sandkasten der Hamletschen Fantasie. Bis das Schlachtfeld leichenübersät ist. Absolut sehenswert!

„Hamlet“ | R: Roger Vontobel | 2., 30.3. je 19.30 Uhr, 3., 31.3. je 16 Uhr | Düsseldorfer Schauspielhaus | 0211 36 99 11

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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