Philosoph auf zwei Rädern

Radfahren benötigt Platz zur Entfaltung Foto: Benni Klemann

Philosoph auf zwei Rädern

Das Fahrrad feiert seinen 200. Geburtstag und wirkt heute altersweise – engels-THEMA 08/17 VERKEHRT WOHIN?

In Baden-Württemberg weisen die Menschen in diesem Jahr besonders gerne darauf hin: Nicht nur das Auto ist im Südwesten Deutschlands erfunden worden. Etliche Jahre bevor Carl Benz seine ersten automobilen Versuchsfahrten in Mannheim unternahm, meldete ein Karlsruher Forstbeamter namens Karl von Drais ein Patent an, das die Zukunft bestimmen sollte: Die Draisine, den Urtypus des Fahrrads. 200 Jahre ist das jetzt her, und es gibt viel mehr Anlässe als nur südwestdeutschen Lokalpatriotismus, dieses Jubiläum ausgiebig zu feiern. Denn das Rad mag alt sein, ist aber jung geblieben. Die Gründe, warum die Menschen das Fahrrad, wenn es denn nicht schon existieren würde, auf der Stelle erfinden müssten, scheinen so vielfältig wie nie.

111 Gründe sind es, die der Schriftsteller Christoph Brumme ausgemacht hat. In seinem Buch „111 Gründe, das Radfahren zu lieben“ geht er ins Grundsätzliche. „Seht all’ die Dinge, die ich nicht brauche!“, zitiert Brumme Sokrates. „So denkt auch der Radfahrer“, schreibt er. „Ich brauche kein Benzin, ich ärgere mich auch nicht über Löcher im Asphalt, denn die kann ich leicht umkurven. Für mein Fahrrad muss ich keine Steuern zahlen, mit denen Kriege zur Eroberung von Ölquellen finanziert werden.“

Und stimmt es oder stimmt es nicht? Gibt es in einem Zeitalter, das nach Mobilitätslösungen jenseits fossiler Brennstoffe und nach einem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen ruft, ein schöneres Symbol als das Rad? Ein Gerät, das keine Ressourcen verbraucht, im Straßenverkehr kaum Platz einnimmt und sogar gesund macht?

Mit dem Fahrrad lassen sich große Lebensfragen in Verbindung bringen: Die Suche nach dem Sinn als Fokussierung auf das Wesentliche. Das Ausleben von Individualität, ohne dabei in automobile Protzsucht verfallen zu müssen. Die Möglichkeit zu reisen, neue Welten zu erschließen. Radreisende berichten immer wieder von der Sicherheit, die ihnen das Radfahren selbst in schwierigen Regionen vermittelt habe.

Die Vorteile des Fahrrads lassen sich auch viel pragmatischer sehen: als handfesten Wirtschaftsfaktor für Kommunen. Die Wuppertaler können ein Lied davon singen. Es ist schwierig, den Effekt, den die Nordbahntrasse auf die positive Entwicklung der Stadt hatte, in Zahlen zu fassen. Eins kann man aber mit Sicherheit sagen: Die Werte, die durch die Trasse entstanden sind, sei es durch die Steigerung von Immobilienpreisen, den Impuls für innovative Projekte oder einfach nur den Imagewandel der Stadt, sind schon jetzt um ein Vielfaches höher als die 30 Millionen Euro, die bisher investiert worden sind. Und viele durch die Trasse ausgelöste Entwicklungen stehen erst am Anfang.

Mit langfristigen Investitionen in den Radverkehr befindet sich Wuppertal in bester Gesellschaft. Städte, in denen der sogenannte Modal Split, also die jeweiligen Anteile von Auto, ÖPNV, Fußgang und Fahrrad, sich besonders positiv in Sachen Rad entwickelt, haben auch sonst oft Vorbildfunktion. Allen voran Kopenhagen, das sich durch massive Investitionen in die Infrastruktur den Titel Fahrradhauptstadt erarbeitet hat. 30 Prozent aller dänischen Hauptstädter erledigen ihre Fahrten mit dem Rad. In vielen anderen europäischen Hauptstädten gibt es ehrgeizige Programme, die dem nacheifern.

Natürlich ist klar: Ohne Investitionen geht es nicht. Radfahren ist vor allem dann ein Genuss, wenn es Platz zur Entfaltung bekommt. Zum Frust wird es, wenn das Fahren in einen Konflikt mit anderen Verkehrsteilnehmern ausartet. Gerade in den Städten sind deshalb kluge Konzepte gefragt. Ausgerechnet hier herrscht in Deutschland aber häufig Nachholbedarf. Während das insgesamt 40.000 Kilometer lange deutsche Radwegnetz als vorbildlich für den Radtourismus gilt (alleine in Brandenburg wurden seit der Wende 7000 Kilometer gebaut), ändert sich das Bild in den Städten oft schnell: Zu schmale Wege, schlechte Ampelschaltungen und ausbaufähige Beschilderungen lassen sich immer noch sehr oft finden. Vielleicht gibt das Jubiläumsjahr ja einige Impulse, auch hier das Bewusstsein zu verändern. Gründe, das Radfahren zu lieben, gibt es schließlich genug.

Autor

DAVID FLESCHEN

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