Optimierungswahn im Kreißsaal

Am Rande des Nervenzusammenbruchs, Foto: Syda Productions / Fotolia

Optimierungswahn im Kreißsaal

Wohl und Leid der Geburtsmedizin – trailer-THEMA 01/19 GEBURTS-TAG

Ultraschall, Fruchtwasseranalyse, Präimplantationsdiagnostik: Nie war es so sicher, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Immer mehr Eltern wollen wissen, ob es ihrem Nachwuchs an etwas fehlt. Das hat zu einem rasanten Anstieg vorgeburtlicher Untersuchungen geführt. Aber hilft viel auch immer viel?

Bildgebende Mittel wie 3-D-Ultraschall können die Eltern-Kind-Bindung stärken. Viele der vorgeburtlichen Tests konnten in den vergangenen Jahrzehnten verringern, dass Säuglinge sterben oder zu früh auf die Welt kommen. Der technische Fortschritt ist also keineswegs nur negativ. Doch dort, wo Technik unbedacht eingesetzt wird und die Eltern über die Konsequenzen im Unklaren gelassen werden, kann es problematisch werden.

In Fällen von erblicher Vorbelastung hilft es sicherlich, genau zu wissen, ob das Kind ein familiär tradiertes Brustkrebsgen in sich trägt. Präimplantationsdiagnostik nennt sich dieses Verfahren, der Gentest am Embryo im Reagenzglas. Es kann einer Familie das nervenaufreibende Warten während einer Schwangerschaft ersparen, das Hoffen und Bangen um das Wohl des eigenen Kindes, die sogenannte Schwangerschaft auf Probe. Dieser Test ist in Deutschland nur dann erlaubt, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass das Kind unter einer schweren Erbkrankheit leidet.

Doch was passiert im Falle eines Verdachts oder gar einer Diagnose? Dann müssen weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Vielen Eltern ist gar nicht bewusst, dass sie das Recht haben, die Kenntnis darüber zu verweigern, ob ihr Kind krank oder gesund sein wird. Testergebnisse können Eltern stark verunsichern und einem Sicheinlassen auf das Kind im Wege stehen.

Aber auch während der Geburt herrscht inzwischen Optimierungswahnsinn im Kreißsaal. Periduralanästhesien, wo sie nicht von Nöten sind, dicht gefolgt von Kaiserschnitten, quasi zum Nulltarif. Dort, wo eine werdende Mutter zu lange in den Wehen liegt, liegt der Kaiserschnitt als Mittel der Wahl nah; auch im ökonomischen Sinn – für den neu zu besetzenden Kreißsaal. Denn die nächste Schwangere wartet schon. Ein Mangel an Belegbetten kann dabei auch dazu führen, dass Frauen in der Klinik, in der sie zur Überwachung bis zur Geburt liegen, gar nicht erst entbinden können. Mancherorts hetzen Hebammen geradezu von Kreißsaal zu Kreißsaal, weil sie sich mehreren Gebärenden zugleich widmen müssen. Die Intimität des Moments bleibt außen vor, die persönliche Nähe, die sich viele Gebärende wünschen, auch.

In den letzen rund 30 Jahren wurden 500 Geburtsstationen deutschlandweit geschlossen – gut 40 Prozent. Die Krankenkassen sprechen von einer Auslastung der noch verbliebenen Kreißsäle und einer Spezialisierung der Abteilungen. Gerade in Flächenländern wird das aber zu einem Problem. Das geht nicht zuletzt zulasten der Schwangeren, die potenziell weitere Wege in Kauf nehmen müssen. Nicht nur bei Risikoschwangerschaften ist das ein Problem.

Offenbar haben wir reichlich Anlass, uns selbst zu fragen, ob wir Geburten weiterhin zum Gegenstand von Rationalisierung und oftmals unhinterfragter Technisierung machen sollen. Zum Wohl von Mutter und Kind braucht es mehr.

Autorin

NINA HENSCH

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