Nur potentielle Wirklichkeit

Aktuelles Bochumer Ensemble, Foto: © Ostkreuz

Nur potentielle Wirklichkeit

Das Schauspiel in Bochum kommt spät und mit vielen Wahrheiten

Lange haben sie gezögert, das Für und Wider geordnet, jetzt entschied sich das Bochumer Schauspielhaus für die Tat: Die Ära Johan Simons beginnt. Nach der langen Nacht der elektronischen Pop-Musik Fest schraubt man die ollen Stühle im Großen Haus wieder an. Mit einer Theaterfassung nach Lion Feuchtwangers „Die Jüdin von Toledo“ geht es dort nämlich los. Clash der Religionen, Clash der Weltanschauungen, Populismus versus Humanismus. Oder einfach die Frage, ab wann ist eine Reaktion gefordert oder bleibt es wie immer nur beim zuschauenden Verzicht. Müssen wir also alle Helden werden? Feuchtwangers andalusisches Dokudrama zwischen grenzenloser Liebe und Heiligem Krieg im 12. Jahrhundert scheint für Regisseur Simons eine Antwort zu geben.

Kaum eine Antwort geben dreizehn 13-jährige Mädchen und ein Bodybuilder einen Tag später im „Hamiltonkomplex“ in den Kammerspielen, das sowieso nur bis Anfang Januar in Bochum zu sehen ist. Die wilde 13 verwandelt sich ständig von manipulierenden Monstern in selbstbewusste Teenager, von verstörenden Lolitas in liebenswürdige Mädchen. Historie und Zeiten vermischen sich dabei, die Bühne wird zum Tanzpalast. Das schon zitierte Für und Wider tritt auf den Plan: In welcher Identität wollen wir leben oder besser, wird uns das überhaupt gestattet?

Denn wir Weiße sind das Übel an sich. Findet Benny Claessens, denn allein die Erfindung dieser sogenannten Rasse war schon Käse. Ausgehend von Gerhart Hauptmanns Arbeiterdramen „Die Weber“ und „Vor Sonnenaufgang“, thematisiert der Regisseur in seiner Stückentwicklung „White People’s Problems“ einen unterschwelligen Rassismus, der auch innerhalb des um Political Correctness bemühten Theater- und Kunstsystems tief verwurzelt ist. Sehr frech ist seine Behauptung, dass die ehemalige Waschkaue der Zeche Prinz Regent in den 90ern von reichen Kids zu einer sauberen Location gemacht wurde, wo billiger Weißwein serviert wurde. Er will „die Zeche gerne den Arbeitern zurückgeben, als ob die Figuren der Aufführung ihre Geister wären, die uns heimsuchen und ihren rechtmäßigen Ort von der weißen Pseudo-Elite zurückfordern“. Na dann Prost.

„Die Jüdin von Toledo“ | Do 1.11.(P) | Schauspielhaus Bochum

„Der Hamiltonkomplex“ | Fr 2.11.(P) | Kammerspiele Bochum

„White People’s Problems / The Evil Dead“ | Fr 2.11.(UA) | Zeche Eins, Bochum | 0234 33 33 55 55

Autor

PETER ORTMANN

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