Nur Fiktionen überdauern die Kindheit

Halbe Anarchie mit dumpfer Bürgerwehr: Längst hat ein Teil der Schauspieler die Schaukästen verlassen, Foto: Annette Hauschild/Ruhrtriennale 2018

Nur Fiktionen überdauern die Kindheit

Mariano Pensottis Theaterabend „Diamante“ bei der Ruhrtriennale

Die Essener Margarethenhöhe ist eine Vorzeige-Zechensiedlung. Eine Kruppsche Kunst-Siedlung, Industrieghetto mit Einheits-Ästhetik. Arbeitssklaven waren teuer und deshalb hielt man sie bei Laune. Und jetzt stellen wir uns das alles mal mit Zaun drum herum vor, projizieren das nach Argentinien, denken an Benetton und die Mapuche und sind in Gedanken schon mitten drin in einer Stadt wie Diamante, dieser fiktiven neureichen knubbeligen Theater-Kleinstadt mitten in Quadratkilometern voller armer Menschen. „Free private city“ ist der Fachausdruck für so ein Kunst-Lager – Wohnen, Leben und Arbeiten auf engstem Raum. Alles unter Kontrolle der Firma, die während der Ruhrtriennale bei Mariano Pensotti und seiner Grupo Marea „Goodwind“ heißt und einem gewissen Emil Hügel gehörte, der vor hundert Jahren die Stadt Diamante gründete. Pensotti baute für seine theatralische Installation zehn Wohnungen und drei weitere Locations in die Kraftzentrale im Themenpark Duisburg-Nord, an denen die Zuschauer für den Theaterabend „Diamante“ sechs Stunden lang (keine Panik, es ist grandios) vorbeiflanieren, um die ungewöhnliche Geschichte der Bewohner zu hören und zu verstehen. Jeweils elf Spielorte sollten in drei Kapiteln besucht werden, die Reihenfolge ist frei, aber der Deutsche ist eben ordentlich, und so gehen die meisten Zuschauer der Reihe nach vor und springen nicht. Keine Kritik, ich war einer von ihnen.

Eigentlich scheint anfangs alles in ruhigen Bahnen zu verlaufen, die Chefin vögelt im roten Opel Kombi ihren verheirateten Untergebenen, Väter bringen ihren Kindern Musikinstrumente-Spielen bei, hier und da hört man Lachen und spitze Schreie – warum, das wird man ja später erfahren. Die einzelnen Szenen dauern immer achteinhalb Minuten, dann rennt alles hurtig zur nächsten Glasscheibe, wo dann das Licht angeht, irgendwie auch eine Art von Lebensbordell, nur rein darf man eben nicht. Bei den Rechtsanwälten Bettina und Sebastian ist eingebrochen worden, die Wohnung ist verwüstet, beide scheinen verletzt, doch sie bagatellisieren den Vorfall, von dem der „Tatort“-erfahrene Zuschauer bereits ahnt: Dies ist eine Schlüsselszene. Denn über die Scheibe werden diverse Zusatzinfos gebeamt, Hintergründe, Zitate, philosophische Bruchstücke, platte Witze, Übersetzungen, Verwirrungen; dazu hört man die vielen Schauspieler in den Nebenräumen in zwei Sprachen brabbeln. Die Dramaturgie setzt die Geschichte aus vielen Splittern zusammen: Man muss sich viele Namen merken, es ist mehr so ein verzweifeltes Lauschen als ein konzentriertes Zuhören, die Ablenkung als Stilmittel wirkt großartig. Dazu wird das Lauern auf freie Sitzhocker zur Manie, nach der ersten Pause werden bereits die Rentner-Ellenbogen ausgepackt, um an die wenigen hölzernen Exemplare nebst Sitzkissen zu gelangen; die Jugend räkelt sich auf den grünen Vorgärten-Teppichen – recht so. Ab und an steht ein Hinweisschild auf dem Weg, ein Denkmal für Emil Hügel, und Mülleimer können entdeckt werden, doch die lustvolle Hast lässt das fast kaum zu.

ZUR PERSON
Der argentinische Regisseur Mariano Pensotti (*1973) ist weltweit bekannt für formelle Experimente und ortsspezifische Performances in Zusammenarbeit mit Mariana Tirantte (Bühne/Kostüm), Alejandro Le Roux (Licht) und Diego Vainer (Musik), Foto: Carlos Furman

Einige biografische Erzählstränge beleuchten die berufliche Selbstbefindlichkeit der Bewohner, andere zitieren familiäre Generationsprobleme und auch politische Dispute. Es kommt wie es kommen muss: Der Kapitalismus gerät nach drei Monaten an seine Grenzen des Wachstums. Goodwin scheint pleite. Die Bedrohung durch die Welt draußen steigt, die Werte verfallen, es heißt jeder gegen jeden, jeder Posten wird immer wertvoller. Denken wir an die vögelnde Chefin aus dem Opel-Kombi – sie wird erst in der Bar an der Stange strippen, um am Ende als billige Putzhilfe unterzugehen. Diesen Abstieg haben alle existierenden Firmenstädte auf dem Planeten von Google bis Amazon in petto. Nach sechs Monaten herrscht in Diamante halbe Anarchie, die Armen draußen werden echt gefährlich, alle Visionen sind verpufft, es bilden sich dumpfe Bürgerwehren. Die Zuschauer taumeln dabei durch die wie ein Filmset aufgebaute Szenerie und längst hat ein Teil der Schauspieler die Schaukästen verlassen. Hundegebell durchmischt die Dialoge, zerfetzt die Biografien, wie immer generiert der Kapitalismus bis zu bitteren Ende Gewinnler und Zerstörte. Die Linke hat die ewigen Intrigen eh nicht überlebt, die einst aufmüpfige Jugend gleitet in Sekten ab – eine Stadt geht vor die Hunde und die Regie braucht nur noch ein paar Klaus-Kinski-Zitate aus „Aguirre, der Zorn Gottes“, dann ist es vorbei. Das Mosaik ist beisammen. Immer ging es nur um Macht und Kontrolle durch die Firma. Aber dennoch, Mariano Pensotti hat eine grandiose epische Erzählung zahlreicher Biografien hingelegt. Und seine letzte Kapitalismuskritik trifft das Ruhrgebiet mitten ins Herz: Aus dem heruntergekommenen Diamante wird ein lukrativer Themenpark mit Doppelgängern für die Präsentation in den Wohnungen. Einen ähnlichen Weg geht die Ruhr Tourismus-GmbH (RTG) ja auch bereits.

„Diamante“ | R: Mariano Pensotti | Do 30.8., Fr 31.8., Sa 1.9. 17 Uhr | Kraftzentrale Landschaftspark Duisburg-Nord | www.ruhrtriennale.de

Autor

PETER ORTMANN

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