Musikalische Grundierung

Michael unter Moslems: „Sheikh Jackson“, Foto: Filmverleih

Musikalische Grundierung

Kongress und Filmfestival zu Klängen und Tönen im Film

Die Tonspur im Film hat eine gewaltige Wirkung. Das kann man gut testen, indem man einen Thriller einmal mit der Originalmusik und einmal mit entspannten Klängen als Hintergrund ansieht. Oder die Musik stumm schaltet … Denn bei plötzlicher Stille horcht man auf und stellt fest, dass Film fast immer eine musikalische Grundierung hat. Trotzdem wird die Musik im Film weit weniger diskutiert als die Kamera oder gar die Darsteller. Bei  Soundtrack_Cologne ist das anders. Die 15. Ausgabe des Kongresses für Musik und Ton in Film, Games und Medien findet vom 23. bis 25. August in Köln statt. Der Fachkongress begrüßt internationale und nationale Gäste zu über 40 Diskussionsrunden, Panels, Workshops und Networking-Events. Die Veranstaltungen kreisen um die Themen Komponieren für Film, Fernsehen und Games. In diesem Jahr geht der Ehrenpreis an Craig Armstrong, Komponist für Filme wie „William Shakespeares Romeo + Julia“, „Moulin Rouge“ oder „Der große Gatsby“. Außerdem gibt es einen mit 2.500 Euro dotierten Preis für die beste Musikdokumentation. Der Preis wird allerdings im Rahmen des Filmfestivals See the Sound vergeben.

Während der Kongress SoundTrack_Cologne für die Fachwelt eine nationale und internationale Anziehungskraft ausübt, ist das begleitende Filmfestival See the Sound auch für das gewöhnliche Kinopublikum von großem Interesse – und für Musikfans.

Längst ist See the Sound aus dem Schatten des Kongresses herausgewachsen und weit mehr als ein Rahmenprogramm für die Kongressteilnehmer. Vom 22. bis zum 26. August werden über zwanzig abendfüllende Filme gezeigt. Kuratorin Kathrin Häger hat aktuelle Musikdokumentarfilme, Konzertdokumentationen, Porträts über Musiker und Bands oder Spielfilme mit musikalischem Schwerpunkt zusammengestellt.

Und Musicals, möchte man hinzufügen, wenn man das neue Werk des Franzosen Bruno Dumont sieht: „Jeannette – Die Kindheit der Joan D‘Arc“ ist eine minimalistisch in Dünen inszenierte Metal-Oper mit der Musik von Igorrr. Anders, aber ähnlich weird geht es in „The Allins“ zu, einer Doku über den (selbst-)zerstörerischen Musiker GG Allin, der 1993 an einer Überdosis starb, und seiner Familie, die seinen Nachlass verwaltet. Abwegiges gibt es in den Filmen immer wieder zu bestaunen – sei es musikalisch, biografisch oder geografisch. „RocKabul“ begleitet die erste und einzige Metal-Band Afghanistans,  „Gurrumul“ porträtiert den blinden Sänger Geoffrey Gurrumul Yunupingu vom Aborigines-Stamm der Yolngu, „Shut Up and Play the Piano“ wirft einen Blick auf den Rapper und Pianisten Chilly Gonzales und auch in „Slivana“ geht es um Rap, genauer: um die schwedische Queer-Ikone Silvana Imam. Nicht minder exzentrisch geht es in „The World is mine“ zu, einer experimentellen Annäherung an die singende, digitale Projektion Hatsune Mika, die in Japan Konzertsäle füllt. „Wo bist du, João Gilberto?“ spürt hingegen mit Bedacht dem Verbleib des Bossa-Nova-Erfinder nach und mit der dreistündigen HBO-Doku „Elvis Presley: The Searchers“ (Eintritt frei) wird einem zweiten Stil-König nachgespürt. Dokumentationen über John Lydon alias Johnny Rotten von den Sex Pistols und P.I.L., George Michael, Grace Jones, Anne Clark u.a. runden das Programm ab. Mit „Sheikh Jackson“ wird auch ein Spielfilm gezeigt, in dem ein Imam durch den Tod von Michael Jackson in eine Sinnkrise gestürzt wird. Die Macht des Pop!

SoundTrack_Cologne / See the Sound | 22. – 26.8. | div. Orte | www.soundtrackcologne.de

Autor

CHRISTIAN MEYER-PRÖPSTL

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