Mit Marx zur Muße

Einsam geworden: Karl Marx ohne Karl-Marx-Stadt, Foto: animaflora / fotolia.com

Mit Marx zur Muße

Selbstverwirklichung durch oder gegen Arbeit? – trailer-THEMA 05/18 KARL MARX

Arbeit, Arbeit, Arbeit! So lautete einst ein Wahlslogan. Beschäftigung sichern ist erklärte Chefsache quer durch die Politik, Mantra quasi, wenn auch nicht immer so gebetsmühlenartig. Karl Marx nun ist der klassische Analyst der Arbeit im Kapitalismus. Nach der Industrialisierung seiner Zeit steht heute ein neuer Schwenk auf Maschinen in ungeahntem Ausmaß bevor: Überlebt sich das Kreisen um Arbeit, wenn kaum noch welche da ist? Oder wird es dann erst recht dringlich?

Erfüllung auch ohne Arbeit: Ein Thema, das neu entdeckt wird im Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens. Besagter Schwenk ist eine Grundannahme hinter diesem Ansatz, so wie ihn etwa die Piratenpartei vertritt. Wo Roboter immer mehr Berufsgruppen die Beschäftigung abnehmen, so der Gedanke, da braucht es andere Arten der Sinnstiftung.

Erfüllung ist auch Marx wichtig, mehr noch: mit seinem zentralen Begriff der Entfremdung scheint sie untrennbar verbunden. Die Industrieproduktion zerlegte demnach den Prozess vom Rohstoff bis zum Erzeugnis, und der Bezug zum Sinn stiftenden Produkt verschwand.  Das, so sah es auch Friedrich Engels, macht den einzelnen Arbeiter erstens austauschbar und zweitens unglücklich. Diese Entfremdung verhindert auch die Selbstentfaltung des Arbeiters, oder wie Marx sagte: dass er „bei sich ist“.

Wie verhält sich diese Analyse zur modernen Arbeitswelt? Arbeiten scheint unverzichtbar für unser Selbstverständnis. Jeder kennt Szenen, in denen Chefs Anstoß nehmen an müßig herumsitzenden Angestellten – Anstoß, nicht weil Aufgaben anstünden, sondern weil Muße sich nicht rechnet, schlimmer: weil sie unheimlich ist, irrational, suspekt. Und die Beschäftigten feiern ihr Hamsterrad: Das Immer-Besser-Werden-Wollen mag noch befremden, wenn es offen als Optimierungswahn daherkommt. Ganz sexy eigentlich klingt es aber in Formeln wie „Ich gebe höchsten Einsatz für die Sache“ (sprich: den Kunden, den Konzern) oder „Ich brenne für meinen Job“, was selbstredend impliziert, den Betrieb zu befeuern – und im Zweifel verheizt zu werden.

Leidenschaft, Perfektionismus, mit frischem Ungestüm noch besser werden wollen: All dies lässt sich auch lesen als freiwilliger Drang zum Funktionieren, als vorauseilende Eingliederung. Sollten Marxsche Analysen ernstlich ausgedient haben, bloß weil heutige Lohnarbeiter am Laptop sitzen statt an Webstuhl oder Fließband? Seine viel zitierte Entfremdung könnte Marx heute spielend auch im Tun des Programmierers finden, der zwischen Auftragstellung und fertiger Software im Zweifel gleichfalls nur ein Rad im Getriebe ist. Und ob der Einzelne seine Dienste physisch leistet, mit Ideen oder Worten, gleich wie hip, urban oder „unabhängig“: Am Ende wird abgeschöpft. Produktivität ist Zwang, würde Marx sagen, da hilft kein freies W-Lan. Ohne Mehrwert keine New Economy.

Würde Marx das sagen? Nachdem Schaffen in fremdem Dienst also weiter aktuell ist, ließe sich als nächster Schritt ja das Prinzip des Schaffens selbst  in Frage stellen. Aber Arbeiten, das ist für Marx nicht nur eine Notwendigkeit, die gerecht gestaltet werden müsste: Sie scheint ihm auch Basis besagter Entfaltung. Die Germanistin Nina Birkner stellt fest:  Marx hält „die schöpferische Arbeit für die freie Gestaltung des Subjekts für notwendig.“ Der Mensch braucht demnach nicht nur erfüllende Arten von Arbeit, seine Erfüllung braucht auch die Arbeit. Zudem: In Marx‘ Worten fungiert demnach die Arbeit auch sozial „als Band mit dem Menschen. […] Erst hier ist ihm sein natürliches Dasein sein menschliches Dasein und die Natur für ihn zum Menschsein geworden.“ Heißt überspitzt ziemlich klar: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er – arbeitet.

Prominenten Widerspruch erhielt Marx von Paul Lafargue, Sozialist und überdies sein Schwiegersohn. Gegen die Schrift „Das Recht auf Arbeit“ von 1848 setzte er 1880 ein „Recht auf Faulheit“: „Je mehr sich die Maschine vervollkommnet und mit beständig verbesserter Schnelligkeit und Präzision die menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren, noch seine Anstrengungen […]. Wenn ihnen ihr täglicher Arbeitsanteil gesichert ist, werden die Arbeiter nicht mehr miteinander eifersüchteln […]; dann werden sie […] anfangen, die Tugenden der Faulheit zu üben.“ Nicht so sehr erfüllendere Arbeit, sondern kürzere: Auch eine Reaktion auf die Roboterisierung, und sie bliebe sogar in der (Marxschen) Familie.

Autor

MARTIN HAGEMEYER

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