„Manchmal ist ja auch gut ein Ketzer zu sein“

Dirk Laucke, Foto: privat

„Manchmal ist ja auch gut ein Ketzer zu sein“

Dirk Laucke über „Die Freiheit in Abrede“ in Oberhausen

trailer: Herr Laucke, die Gedanken sind frei, sagt man, aber ist nicht selbst diese Entdeckung selbst Geschichte?
Dirk Laucke:
 Na ja, Gedanken können ja immer frei sein. Die eigentliche Frage ist doch die, ob man sie auch immer und überall äußern kann. Also die Idee, seine Gedanken immer und frei äußern zu können, ist aktuell ganz schön in die Bredouille gekommen. Und wir mischen da alle mit. Einerseits gibt es durch das Internet und soziale Medien viel mehr öffentlich verbreitete Meinungen, andererseits, wenn man genauer hinschaut, transportieren die ja meistens entweder nur ganz viel Bullshit oder Hass. Deshalb sind wir wie so kleine DDRler dabei, Meinungen wieder einzuschränken und zu sagen, das oder das muss verboten werden. Was fehlt, ist die Relation zwischen Gedanke und Realität. Also, wenn man solche Einschränkungen für notwendig hält, ist die Frage, wie viel Relevanz oder Einfluss hat das überhaupt in der Realität. Wenn da zum Beispiel irgendwer etwas über Tibet sagt, wen juckt das? So meine ich das.

Und was ist in diesem Kontext eine wilde, radiophone Show?
Das werden wir selber noch herausfinden. Grundlage dafür ist Folgendes: Ich bin rumgereist und habe O-Töne gesammelt und daraus machen wir eine Art Feature. Aber Features sind im Radio eben oft langweilig. Deshalb machen wir das auf der Bühne und das wird ganz anders als im Radio. Da sind dann Spieler, die ich zwinge, Texte einzusprechen, doch leider sind die nicht so gewillt, alles einzusprechen, was ich ihnen vorgebe. Und deswegen streiten wir uns auch auf der Bühne. Und wir laufen ins offene Messer, weil wir gar keine Probenzeit haben. Das ist aber mit Absicht so.

„Die Freiheit in Abrede“: Wer leugnet in dieser Konstellation dann die Freiheit? Das Volk, die Theatermacher, die Zuschauer?
Ja, die Freiheit wird abgesprochen. Man darf nicht alles sagen, oder wenn man etwas in bestimmter Weise sagt, ist man gleich wieder Rassist oder Sexist oder dieses oder jenes. Aber man muss erstmal die Möglichkeiten haben, diese Freiheit in Abrede zu stellen. Das haben normalerweise Regierungen, Religionsverbände und andere Tonangeber.

Und wieso inszeniert man die Show gleich als Dreiteiler?
Eigentlich läuft es darauf hinaus, ein Stück zu schreiben, und das ist eigentlich auch das, was ich kann. Dann hatte aber das Team vom Theater Oberhausen die Idee, dass ich mich als Hausautor öfter blicken lasse. Sie haben den Vorschlag entwickelt, dass ich Talkshows mache – aber das finde ich schon im Fernsehen schrecklich. Und da dachte ich mir, ich packe das zusammen, was ich sonst auch tue, nämlich Hörspiele schreiben, O-Töne sammeln, und die Ergebnisse werden nun als Recherche-Etappen präsentiert. Beim ersten Mal geht es um Meinung und beim zweiten Mal um Identität.

Aber lohnt es sich überhaupt, den ins Unendliche vergrößerten Stammtischen irgendwas zu erklären, und sitzen die überhaupt im Theater?
Ja, die sitzen auch im Theater, wenn jetzt nicht nur der Pegida-Stammtisch gemeint ist. Und es kommt auch auf das jeweilige Bundesland an, da gibt es Unterschiede. Aber es gibt ja auch in der intellektuellen Elite Leute, die sagen, man dürfe jetzt nicht so auf dem Islam rumhacken, weil man damit ja wiederum selbst ins Fettnäpfchen gerät. Alle sind also in einer Art von Zwickmühle, und fragen sich, was kann ich denn überhaupt sagen. Das hat damit zu tun, dass sich alle über Kulturen verständigen, anstatt über die realen Probleme.

Und das ist wichtig, das jetzt im Theater zu präsentieren?
Das ist ja immer die Frage, ob was so wichtig ist, dass man es im Theater präsentiert. Gegenfrage: Hat das Theater schon mal jemandem geschadet? Es ist mir im Moment ein Bedürfnis, so eine Debatte anzupacken. Es ist auch so, dass in den Theatern selber solche Debatten stark virulent sind, über die Frage: Was kann ich sagen, was kann ich nicht sagen? Oder wie behandeln wir uns gegenseitig? Und ich glaube schon, dass das im Theater, aber auch darüber hinaus eine große Rolle spielt. Ich habe zum Beispiel einen Typen aus Bangladesch interviewt, der wohnt seit 40 Jahren in Deutschland und der ist geflohen, weil sie ihn dort sonst eingekerkert hätten. Der erzählt, er habe einen guten Freund, mit dem er zusammen in Deutschland studiert hat, und erst nach drei Jahren habe ihn dieser Freund gefragt, wo er eigentlich herkomme. Er fand das komisch. Aber dieser deutsche Freund hat das aus Rücksichtnahme gemacht. Er wollte ihn nur als Person behandeln und nicht als Ausländer. Bei dem Bangladeschi kam aber auch mit an, dass es den Freund scheinbar gar nicht interessiert hatte, wie sein Leben vorher aussah. Auch das beschreibt die Zwickmühle, in der wir ja alle stecken.

Säße man bei einer radiophonen Show nicht genauso gut an den Volksempfängern?
Sie meinen, ein Podcast hätte auch gereicht? Ich denke, es ist im Theater waghalsiger, weil man sich auf der Bühne als Person leibhaftig reinschmeißen muss. Man ist dann auf eine direkte Publikumsreaktion angewiesen. Zumindest kann man sich das Publikum nicht einfach wegdenken. Wenn man im Studio sitzt, kann man das ausblenden, aber im Theater kann man eben direkt mit den Zuschauern quatschen.

Und wer sind dann da die Ketzer?
Das sind der Blogger Zobaen Sondhi aus Bangladesh, der dort entweder von Islamisten getötet oder von der Regierung eingesperrt werden würde, dann ein Podcaster gegen den Herrn namens Skydaddy und ein Bildhauer mit nackiger Luther-Statue.

Aber irgendwie sind wir doch alle Ketzer, zumindest wenn man sich abseitig von allgemeinen Meinungen bewegt.
Natürlich, manchmal ist ja auch gut ein Ketzer zu sein. Aber das kann man ja nur bestärken, denn wie sollen sich sonst andere Meinungen entwickeln? Gefahren für die Gesellschaft entstehen ja nicht, weil viele verschiedene Meinungen aufeinanderprallen, sondern wenn wenig unterschiedliche Meinungen dominieren.

Und was nimmt der Zuschauer vom Ritt durch die Meinungsfreiheit mit? Ich hoffe, keine Fake News.
Vielleicht nimmt er den Spaß mit, sich einen eigenen Kopf zu machen. Und mal sehen, vielleicht auch etwas Gefühl.

Zur Person:
Dirk Laucke wird 1982 in Schkeuditz/Sachsen geboren und wächst in Halle auf. Er beginnt ein Psychologiestudium in Leipzig, das er abbricht, um 2004 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin zu studieren. Er ist einer der politischen Theaterautoren seiner Generation und erhält 2010 den Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI und ein Jahr später den Georg-Kaiser-Förderpreis des Landes Sachsen-Anhalt.

„Die Freiheit in Abrede“ | Fr 1.12.(P) 19.30 Uhr | Theater Oberhausen  | www.theater-oberhausen.de

Interview:

PETER ORTMANN

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