Mach halt einfach!

Die Sache in die eigenen Hände nehmen, Foto: Elaine Casap / Unsplash

Mach halt einfach!

Lokales Wirtschaften und Sharing-Konzepte gegen den Kapitalismus – trailer-THEMA 08/18 FAIR HANDELN

Die Großstadt gilt als anonym. Auf meine Hood in Essen, immerhin eine Stadt mit fast 600.000 EinwohnerInnen, trifft das nicht zu. Gehe ich einkaufen, treffe ich immer jemanden zum Plausch. Zum Beispiel den Bekannten, der sein Atelier mit einem Mechaniker mit Vorliebe für alte Waschmaschinen teilt und tags darauf unsere AEG repariert. Die nächstgelegene Einkaufsmöglichkeit – keine Kette, sondern von einer ortsansässigen Einzelhändlerin geführt – bietet nicht nur, aber viele saisonale, relativ regionale Leckereien: Sauerkirschen von Bauer Felchner aus Mülheim, Salat aus dem Windrather Tal bei Velbert. Fußläufig erreichbar ist auch ein Foodsharing-Kühlschrank, wo gerettete Lebensmittel zur freien Verfügung stehen. Habe ich mehr zu schleppen, kann ich auf ELA, das mit bis zu 100 kg beladbare Lastenrad, zurückgreifen; eine lokale Initiative verleiht es kostenlos. Muss ich doch weiter weg, leihe ich mir das Auto einer guten Freundin, da sie es nicht täglich braucht. In die Innenstadt komme ich ohnehin mit U- und S-Bahn, Bus oder Rad in 10 Minuten. Dort findet regelmäßig eine von Greenpeace organisierte Kleidertausch-Börse statt, wo ich alte Klamotten los werde und neue bekomme.

Was wie ein Bericht aus der links-grünen Filterblase oder ferne Stadt-Utopie klingt, hat sich in Frohnhausen, liebevoll Froho oder die Fronx von Essen genannt, organisch ergeben. Hier wird viel lokal gelebt, gekauft, geteilt kurz: gehandelt, im doppelten Sinn. Einmalig ist das nicht. Urban Gardening, Foodsharing, Kleidertauschbörsen, Car- & Bikesharing, Bücherschränke, eine Bibliothek der Dinge oder Repair-Cafés – früher wurde das schlicht Nachbarschaftshilfe genannt – gibt es im ganzen Ruhrgebiet und weit darüber hinaus. Manche Städte und Gemeinden gehen mit dieser Idee noch weiter und werden zu „Transition Towns“ (TT, Stadt im Wandel). Hervorgegangen ist das TT-Konzept 2005 aus einem Hochschulprojekt des britischen Permakulturdozenten Rob Hopkins, die erste TT war seine Wahlheimat Totnes in Südwest-England. Was als Wunsch begann, unabhängiger zu werden und eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft anzustreben, breitete sich in wenigen Jahren zu einer globalen Graswurzelbewegung aus.

TTs streben danach, sich gegen steigende Energiepreise, wirtschaftliche Unsicherheit und soziale Ungleichheit zu wappnen. Die lokale Ökonomie spielt dabei unter dem Stichwort REconomy eine wichtige Rolle: (Geld)Kreisläufe und Erträge sollen dadurch an den Ort zurückgeholt werden, wo sie entstehen. Das reicht von Kampagnen zu lokalem Konsum über die Gründung kommunaler Energieerzeugungsbetriebe oder Lebensmittelkollektive bis hin zur Einführung einer Lokalwährung. Aktuell (Stand Mitte Juli) gibt es laut Website 932 offizielle TTs und ungezählte inoffizielle Initiativen nach ähnlichem Modell weltweit.

Aber was bringen diese wirklich? Empirische Erhebungen über den langfristigen Nutzen gibt es bislang nicht. Andere Konzepte, die weniger auf Gemeinschaft als auf Tausch basieren, wie analog oder digital organisiertes Peer-to-Peer-Sharing von Kleidung, Mobilität, Nahrung, Gebrauchsgegenständen und Know How, sind besser erforscht. Das Forschungsprojekt „PeerSharing“ des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung kam zu dem Ergebnis, dass die Sharing Economy bisher nur geringen, aber positiven Effekt auf die Umwelt hat und großes Potential besitzt; sofern nicht günstige Preise zusätzlichen Konsum ankurbeln.

Ein weiterer, positiver Effekt lokalen Wirtschaftens lässt sich so einfach nicht statistisch erfassen. Die Dinge selbst in die Hand zu nehmen kann ein Ausweg aus Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts globaler Probleme sein. Wer vor Ort erlebt, dass er etwas ändern kann, verspürt vielleicht Lust, dies auf andere Bereiche zu übertragen. Momentan streben die Bewegungen jedoch nicht danach, privates Handeln politisch zu nutzen. Harald Welzer kritisierte zu Jahresanfang in der ZEIT zu Recht: „(…) viele dieser Bewegungen verstehen sich als politikfern, der Konflikt, die zentrale Formierungsgröße sozialer Bewegungen, ist generell aus der Mode gekommen.“ Urban Gardening oder ein Workshop zum Solarkocher-Bauen allein führen weder zu voller Unabhängigkeit vom Welthandel, noch mindert lokales Wirtschaften das Leid von Menschen jenseits des westlichen Wohlstandsparadieses spürbar. Lokal zu handeln in doppeltem Sinne kann aber motivieren, wieder selbst mehr Einfluss auf die großen Fragen zu nehmen, z.B. durch bürgerliches oder politisches Engagement. Selbst Harald Welzer wäre wohl froh, sich hier einmal zu irren.

Autorin

MAXI BRAUN

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