Löwe, Lamm und leere Kasse

Hinter Gittern: Der Giraffenknast Foto: Cornelia Wortmann

Löwe, Lamm und leere Kasse

Wie geht es weiter mit deutschen Zoos? – trailer-THEMA 06/17 TIERISCH GUT

Verhärtete Fronten, unversöhnliche Gegner. Einer wirft dem anderen vor, Fakten zu manipulieren und unmoralisch zu handeln. Die Rede ist nicht von Wahlkampf oder FIFA, sondern von Zoogegnern und -befürwortern. Vehement wird gestritten: Ist der Zoobesuch ein pädagogisch sinnvolles Freizeitvergnügen oder müssen alle Tier-KZs sofort geschlossen werden?

Schon die Definition ist schwierig – mal ist von gut 50, mal von über 1000 Zoos in Deutschland die Rede. Leg in deinem Garten ein dauerhaftes Gehege an, stell mehr als 20 Tiere wild lebender Arten zur Schau, und schon hast du einen Zoo. Vor 100 Jahren trieb die Zoomanie besonders skurrile Blüten: Im Kleinen wurde in Vergnügungslokalen mit „Gaststättenzoos“ um Kunden gebuhlt, im Großen feierte das Bürgertum mit repräsentativen Neugründungen die eigene Bedeutsamkeit.

Was heute geht und was nicht, regelt das Bundesnaturschutzgesetz, auch für Hunderte von Privat oder durch Vereine betriebene Zoos. Nicht für alle macht allein das Tier den Zoo: Der Verband der Zoologischen Gärten e.V. pocht auf wissenschaftliche Forschung, Bildungsauftrag und Naturschutz. Nur wenn der Mensch das Tier kenne, könne er auch ein Bewusstsein für seine Gefährdung entwickeln. Zoos würden nicht nur Unterhaltung und Erholung bieten, sondern sogar die Spendenbereitschaft der Besucher erhöhen und zum Weiterbestand gefährdeter Tierarten beitragen.

Für den Leoparden, das „Zootier des Jahres 2016“, sammelte die Deutsche Tierpark-Gesellschaft über 70.000 Euro. Kritiker halten dagegen: Für 91 Millionen Euro sei der Gelsenkirchener Zoo renoviert worden, jedes verkaufte Zooticket in Wuppertal werde mit knapp zwölf Euro subventioniert. Warum würden öffentliche Gelder nicht sinnvoll für den Arterhalt eingesetzt – nämlich für den Schutz der ursprünglichen Lebensräume bedrohter Tiere? Und was lerne man im Zoo denn, außer wie der Mensch zum eigenen Vergnügen über das Tier verfüge, dass ein Storch mit beschnittenen Flügeln seine majestätische Ausstrahlung verliere und dass Kevin gegen die Scheibe bollere, wenn der Affe zu wenig Show bietet? Nein, auch der Bildungsaspekt will Zookritikern nicht einleuchten – zumal die Geschichte der Zoos von der entwürdigenden Macht des Blickes über das „Schauobjekt“ erzählt; man denke an die Zurschaustellung von Menschen aus fernen Ländern in „Hagenbecks Thierpark“ bis 1931.

Stichwort Artenschutz: Stolz verweisen Zoobefürworter auf das goldene Löwenäffchen oder das Przewalski-Pferd. Erfolgreich gerettet, da im Zoo gezüchtet und ausgewildert. Bravo, sagen Tierschützer – nur würden viele Arten gezüchtet, die gar nicht ausgewildert werden könnten. Und spätestens wenn Tiere getötet werden, weil sie nicht mehr niedlich genug sind, um Menschenmassen anzuziehen, oder weil die fortwährende Inzucht wieder zu einem nicht vorzeigbaren Wesen führte, gehen Tierrechtler auf die Palme. Könne man sich im Zoo nicht ausschließlich den vom Aussterben bedrohten Tieren widmen und auf jene verzichten, die am meisten litten: Eisbären und Elefanten mit ihrem unermesslichen Bewegungsdrang, Menschenaffen und Delfinen mit ihren komplexen Ansprüchen?

An diesem Punkt kommt der Besucher ins Spiel. Angeblich bestehen viele zahlende Gäste auf den Exoten. Andererseits verzeichnen gerade die Einrichtungen besonderen Zulauf, die der klassischen Käfighaltung mit Kachelboden und Gitterwand eine Absage erteilen. In sogenannten Erlebniszoos leben Tiere verschiedener Arten in inszenierten Landschaften zusammen. Burgers‘ Zoo in Arnheim, ZOOM Erlebniswelt in Gelsenkirchen: vorbei mit verhaltensgestörten Tieren in reizarmer Umgebung? Was für den Mensch eine schöne Kulisse abgibt, ist für viele Tiere nicht geeignet – ihr natürlicher Lebensraum kann nicht einmal ansatzweise simuliert werden. Aber der anhaltende Trend zum Erlebniszoo zeigt, dass wir als Besucher ein Wort mitreden, wie und welche Tiere präsentiert werden.

Wer mit gutem Gewissen Tiere gucken will, kann die Arche Warder bei Kiel als Tierpark für seltene und vom Aussterben bedrohte Haus- und Nutztierrassen oder einen der deutschen alternativen Bärenparks in Betracht ziehen. Ist der Blick erst einmal geschärft, verlässt man jede Anlage mit gemischten Gefühlen. Ein unschuldiges Vergnügen ist der Zoobesuch nie.

Autorin

MELANIE REDLBERGER

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