„Kunst muss vielstimmig und mehrdeutig sein“

Stefanie Carp, Foto: Daniel Sadrowski/Ruhrtriennale 2018

„Kunst muss vielstimmig und mehrdeutig sein“

Intendantin Stefanie Carp über das Programm der Ruhrtriennale

Die Intendantin der Ruhrtriennale Stefanie Carp spricht mit uns über die Kunst, das Programm 2018, die Junge Triennale und erste Planungen für 2019.

trailer: Frau Carp, wenn Grenzen zwischen Genres, Menschen, selbst Kontinenten bei der diesjährigen Ruhrtriennale aufgelöst werden, muss die eigentliche Bühne oft verlassen werden. Ist theatralisches Wandern durch die restaurierten Industrieruinen auch die Zukunft für die Bühnen im Ruhrgebiet?
Stefanie Carp: Ich würde das Wandern durch die Hallen nicht zur Regel für jede Theaterarbeit machen. Dennoch, es gibt in der Tat in diesem Programm viele Arbeiten, in denen die Zuschauer nicht fest auf einer Tribüne oder wie auch immer sitzen, sondern sie können in den Orten herumgehen. Bei „Diamante“ von Mariano Pensotti geht man von Haus zu Haus einer Privatstadt und lernt verschiedenste Leute kennen. Das ist auch so bei „The Welcoming Party“ von Sue Buckmaster. Das Stück für Menschen ab acht Jahren ist eine Odyssee durch verschiedene Orte, eine sehr schöne Geschichte über einen kleinen Jungen, der in unserer Gesellschaft als Geflüchteter aus dem Nahen Osten ankommt. Die Inszenierung zeigt, wie er aufgenommen oder eben nicht aufgenommen wird. Aber auch bei Elliott Sharps „Filiseti Mekidesi“, eine Arbeit in der Bochumer Turbinenhalle, die die Grenzen zwischen Musiktheater und Konzert aufhebt.

Ausgeklügelte Dystopien sind heute allgegenwärtig, früher galten die Visionen auch als Zukunftsangst. Könnte die Junge Triennale derartige Ängste mit dem Programm „#nofear“ ändern?
Ja, ich glaube schon. Es gibt die Junge Triennale seit die Kinderjury während der Goebbels-Intendanz ins Leben gerufen wurde. Und diese jungen Leute sind zusammen mit der Ruhrtriennale größer geworden, sind zum Teil keine Kinder mehr, sondern Jugendliche und haben viel gelernt in der Zeit. Sie können Interviews führen, Filme schneiden, Theater inszenieren, und recherchieren. Das, was sie gelernt haben, möchten sie jetzt an andere Jugendliche im Essener Stadtteil Katernberg weitergeben. Da ist eine große Vorarbeit geleistet worden, so dass diese Jugendlichen nun zusammenkommen und in verschiedenen Workshops miteinander arbeiten werden. Und daraus wird ein Bühnenprojekt entstehen, das bei PACT Zollverein gezeigt wird. Da geht es in einem ganz konkreten Sinne um die Ängste, die man in der Pubertät hat, das große Thema der Sexualität, wie man sie lebt, wie frei man sie leben kann oder auch nicht, oder warum man glaubt, Scham zu haben. Das findet zudem zwischen unterschiedlichen Kulturen statt, wie sie eben in Katernberg zusammenleben.

Nicht nur für Kulturintellektuelle: Jonas Staal: „Training für die Zukunft. Ein Preenactment“, Foto: © Jonas Staal

Essen-Katernberg steht da sicher exemplarisch für das Ruhrgebiet, ich denke da jetzt an Duisburg oder Dortmund?
Ja, die Entscheidung fiel eigentlich durch die Nähe zu PACT Zollverein. Und hier ist im Austausch mit dem Stadtteil schon viel Vorarbeit geleistet worden.

In Dinslaken gibt es dann noch die bereits angesprochene „Welcoming Party“ für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und Ende September im kaputten Flieger ein Date mit dem Ruhrgebiet?
Ja, die Gruppe Theatre-Rites ist schon öfter Gast bei der Ruhrtriennale gewesen und im Moment schwer am Probieren. Das ist eine Koproduktion, die wir mit dem Manchester Festival eingegangen sind, wo das Projekt bereits Premiere gefeiert hat. Aber dadurch, dass es mit weitestgehend vor Ort gecasteten Darstellern arbeitet, die die verschiedenen Stationen dieses Jungen erzählen, feiert es hier genau genommen wieder Premiere. Im Festivalzentrum, das meinen sie mit dem Flieger, gibt es ein großartiges Programm, das von Filmnächten über Leseabende bis zu Konzerten und Partys reicht – alles bei freiem Eintritt.

Zur Person
Stefanie Carp leitet als Intendantin mit Christoph Marthaler die Ruhrtriennale bis 2020. Sie studierte Literaturwissenschaft in Hamburg und Berlin und arbeitete als Dramaturgin am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Theater Basel, am Deutschen Schauspielhaus und an der Volksbühne in Berlin. Sie kuratierte das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen in den Jahren 2005 und 2008 bis 2013, Foto: Daniel Sadrowski/Ruhrtriennale 2018

Kommen wir nochmal zurück zu den Dystopien und wagen einen Ausblick: Im kommenden Jahr sollen wir futuristische Szenarien üben. Im September gibt es schon mal ein Preenactment?
Ja, das ist ein Projekt von Jonas Staal, der mit den Mitteln der Bildenden Kunst Kongresse entwickelt, die durchaus auch einen Ereignischarakter haben. Er bietet im nächsten Jahr ein dreitägiges Symposium an, das „Training for the Future“ heißt, zu dem er aber nicht nur die Kulturintellektuellen einlädt, die bei solchen Angelegenheiten immer auflaufen, sondern auch Nanotechniker, Biologen oder Menschen, die sich mit zukünftigem Städtebau beschäftigen. Dazu kommen Spieltheoretiker und alle Menschen, die sich durchaus auch auf spielerische Weise mit Zukunft beschäftigen. Das ist im Ruhrgebiet ja auch ein wichtiges Thema und ich finde, dass man hier schon sehr weit vorangekommen ist, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Für dieses Symposium machen wir jetzt im September ein Vorspiel, zu dem unter anderen auch Harald Welzer eingeladen ist, der, wie ich finde, immer sehr Wissenswertes zu sagen hat bei seiner Prognose für die Zukunft.

Die Universen Kunst und Gesellschaft sind also heute weit voneinander entfernt?
Ich glaube, die waren nie weit voneinander entfernt, weil Kunst ja immer in irgendeiner Art von Community entsteht und sich an dieselbe richtet. Alle theatralische Kunst kommt ja ohne Community per se nicht aus. Es scheint uns nur heute offenbar – das hat auch immer mit gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu tun, denken Sie nur an Joseph Beuys – jede Form des Öffentlichwerdens von Kunstwerken, seien sie Bildende Kunst oder theatralische, zu polarisieren. Kunst, selbst jeder Roman, ist ja ein öffentliches Statement, und dabei sind die Mittel der Kunst vollkommen verschieden von denen der Politik. Weil Kunst vielstimmig und mehrdeutig sein muss, muss sie auch multiperspektivisch agieren. Politik dagegen sichert sich immer mit bestimmten Strategien ab.

Künstliche Intelligenz ist heute das große gesellschaftliche Thema. Glauben Sie, dass in der Zukunft Cyborgs noch ins Theater gehen?
Vielleicht wenn andere Cyborgs Theater spielen. Dann wäre das vorstellbar.

Ruhrtriennale – Festival der Künste | bis 23.9. | www.ruhrtriennale.de

INTERVIEW:

PETER ORTMANN

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