Kulturelle Energien

Gewachsene Strukturen in Bewegung, Foto: Christopher Ludwig

Kulturelle Energien

Die Energiewende und unser Konsum – trailer-THEMA 10/18 DEZENTRALE ENERGIEN

Dutzende Bürger demonstrierten jüngst in Lauterbach gegen einen geplanten Windpark, aus Angst vor Gesundheitsschäden und „Verschandelung“ der Landschaft – Juli Zehs Gesellschaftsroman „Unterleuten“ ist längst Realität. Die Energiewende ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Herausforderung. Wenn das Landschaftsbild bald von Windrädern und Solarpaneelen geprägt ist, stehen den Veränderungen viele Menschen positiv, andere skeptisch gegenüber. Das eine Entwicklung hin zu nachhaltiger Energie notwendig ist, liegt auf der Hand. Aber können wir ansonsten weitermachen wie bisher?

Neue Technologien werden angesichts des Klimawandels mit teils fiebrigem Eifer entwickelt, wenn auch nicht zuallererst in Deutschland. Wir wollen unseren erreichten Lebensstandard halten und gleichzeitig die Folgen des globalisierten Kapitalismus aufhalten – Ressourcenverbrauch, Umweltzerstörung und Klimawandel. Dabei soll die Technologie selbst zum Wirtschaftsmotor werden und „Exportmöglichkeiten bieten und damit die Voraussetzung für Beschäftigung und Wachstum“ schaffen, wie es im Programm der CDU heißt.

Auf Strom können wir nicht verzichten. Aber brauchen wir die Verschwendungssucht, die Wachstum mit sich bringt, wirklich zum guten Leben? Beispiele: Statt lokal wachsendes Obst zu kaufen, schiffen wir Avocados rund um die Welt und verschwenden riesige Mengen Energie für Transport, Kühlung und Lagerung. Eine Jeanshose reist dank externalisierter Produktion oft durch sieben Länder, bis sie perfekt zerschlissen ist. Apple und Microsoft setzen weiter auf Handys, deren Reparatur oft teurer ist als deren Neukauf. Und statt Bus und Bahn konsequent auszubauen, setzen Politik und Wirtschaft weiter auf ineffektiven Individualverkehr – zukünftig eben mit Elektro-Fahrzeugen.

Das alles sind aus den globalisierten, freien Märkten entstandene Strukturen, die aus ökologischer Sicht ebenso schädlich wie unsinnig sind. Energiesparlampen, Energieeffizienzklasse-Kühlschränke und Fairtrade-Jeans sind da nur ein Tropfen im plastikverseuchten Ozean. Ein bisschen ist das wie das Rauchen von E-Zigaretten – ungesund ist es in der Masse halt trotzdem.

Zur Person:
Mareike Thuilot (*1985) studierte Kunst und Philosophie in Dortmund. Bis 2017 arbeitete sie in der universitären Öffentlichkeitsarbeit, seit 2016 als Journalistin und Autorin mit den Themen- schwerpunkten Kunst und Gesellschaft. Foto: Privat

Hinterfragen wir diesen – aus guten Gründen unnötig zu nennenden – Energieverbrauch nicht konsequent, droht die Energiewende zur nächsten Stufe technikversessener Ressourcenübernutzung zu werden. Rund 17 Tonnen CO2 verbraucht allein die Herstellung eines Akkus für das Tesla Model S.

Wäre es da angesichts kaum einzuhaltender Energieziele und drohender Konsequenzen nicht logisch, konsumkritische und ökologisch sinnvolle Lebens- und Wirtschaftsstrukturen anzustreben? Gehört zur Energiewende nicht auch eine Abkehr von ökonomischer Energieverschwendung? Geht das eine wirklich ohne das andere? So wichtig und richtig die Energiewende auch ist, sie ist kein Allheilmittel für einen ausgeuferten Kapitalismus und seine Folgen. Da ist zuallererst Wirtschaft und Politik gefragt. Gleichzeitig ist es aber auch eine Herausforderung für jeden Einzelnen, gewachsene Strukturen nicht als notwendig hinzunehmen. Vielleicht lassen sich so auch die kulturellen Herausforderungen der Energiewende besser meistern.

Autorin

MAREIKE THUILOT

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