Krieg fressen Seele auf

Nikoloz Lagvilava als Jago, Foto: Thilo Beu

Krieg fressen Seele auf

Roland Schwab inszeniert „Otello“ in Essen

Fast könnte man meinen, man habe sich irgendwie im Genre verirrt: Da stürmen diese bulligen Typen in ihren martialischen Outfits auf die Bühne, hüllen sie mit tragbaren Nebelmaschinen in dichte Schwaden, posen testosterongeladen vorn an der Rampe und üben sich gar im Headbanging. Jetzt könnten gut im Hintergrund die Scheinwerfer für die Band angehen und dazu brachiale E-Gitarren aufheulen – doch es ist die Ouvertüre zu Verdis vorletzter Oper „Otello“, die erklingt. Roland Schwab hat sie für die Essener Aalto-Oper in Szene und damit Maßstäbe gesetzt.

Denn Schwab hält sie durch, diese enorme Spannung und Energie des Auftakts. Otello und Jago sind Frontschweine wie sie „Apocalypse Now“ entsprungen sein könnten. Wenn im Hintergrund Dschungelvegetation auftaucht und anschließend im hellen Schein eines Napalmangriffs aufglüht, drängt sich diese Assoziation auf. Und doch ist die Geschichte keineswegs so einfach strukturiert wie der kahlgeschorene Titelheld, der nur den Krieg kennt. Schnell wird klar, dass die Kriegsbilder ebenso wie die multiplen Abbilder seiner selbst, die zombiegleich hinter halb geöffneten Jalousien lauern, Dämonen in seinem Kopf sind, im Hirn eines Psychopathen. Dass die Jalousie im Französischen denselben Namen wie die Eifersucht trägt, wird hier sinnfällig. Denn es ist ja die Eifersucht, geschürt vom Anführer der Dämonen, dem teuflischen Opportunisten Jago, die den großen Befehlshaber Otello zerfrisst und zu Fall bringt.

Gaston Rivero als Otello und Nikoloz Lagvilava als Jago dominieren körperlich wie stimmlich diese Inszenierung mit extremer Präsenz und Ausstrahlung. Für Gabrielle Mouhlen als Desdemona bleibt da leider wenig Platz für ihre so zentrale Rolle. Schwabs Desdemona ist zum hübschen, sexy Modepüppchen degradiert und kommt gesanglich zuweilen etwas kühl rüber. Sicher hat Dirigent Matteo Beltrami daran seinen Anteil, der diesen Verdi ziemlich radikal, mit maximaler Dramatik, auch um den Preis klanglicher Schroffheit, gestaltet. Das Zarte und Lyrische wird da zum Kontrast statt zum Kern der Geschichte. Beltramis Herangehensweise polarisiert mit Sicherheit. Das ist durchaus mutig – und es passt zur Inszenierung. Prädikat: Herausragend!

„Otello“ | R: Roland Schwab | 7.4. 18 Uhr, 18.4. 19.30 Uhr, 12.5. 16.30 Uhr | Aalto Musiktheater Essen | 0201 812 22 00

Autor

Karsten Mark

Dieser Artikel erschien auf www.trailer-ruhr.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.trailer-ruhr.de/kultur-in-nrw

0