Keine Tulpen aus Amsterdam

Der holländische Konzertpianist Ronald Brautigam, Foto: Marc Borggreve

Keine Tulpen aus Amsterdam

Kölns Philharmonie begrüßt musikalische Nachbarn

„Jede Note von Mozart, die das Concertgebouworkest spielt, ist von A bis Z gelogen!“ Knapp 50 Jahre alt ist dieser Ausspruch des Blockflöten-Spezialisten Frans Brüggen, der die niederländische Musikszene nachhaltig beeinflussen sollte. Denn heute ist die Alte-Musik-Bewegung in Holland hellwach, viele Spezialensembles und Solisten kommen aus dem Land der Fahrräder, des Goudas und der Tulpen, heute noch bekannter als das Herkunftsland der geschmackschwachen Tomaten. Die Kölner Philharmonie startet die neue Saison mit einem ersten Konzert zum Thema „Fokus Niederlande“ mit dem „Rotterdam Philharmonisch Orkest“, später gastiert auch das oben erwähnte Königliche Orchester aus Amsterdam, das Brüggen einst verdammte – und bestimmt für die Interpretation anderer Komponistenwerke liebte.

Wenn Louwrens Langevoort, der holländische Intendant des Bürgerhauses Philharmonie, seinen Blick gen Heimat wendet, wird ihm eines auffallen: Der Komponistenhimmel in den Niederen Lande erscheint dem musikinteressierten Laien relativ schwach besetzt. Wo die Bildende Kunst doch reiche Früchte und weltbestimmende Schulen schuf, blieb die eigenproduzierte Ernste Musik recht still. Aber warum war es so still im so internationalen Nachbarlande?

Vorwiegend die Lage an den Grenzen zu Frankreich und Deutschland belegte die heutigen Benelux-Länder mit einem Schatten. Holland konzentrierte sich deshalb auf Dinge, die nicht importiert werden konnten, weil sie fest verankert im Lande sind – Orgeln und Glocken.

So schlug der berühmteste niederländische Komponist Jan Pieterszoon Sweelinck bereits im 16. Jahrhundert mit internationaler Strahlkraft die Orgel. Holland war und ist berühmt für seine reiche Orgellandschaft mit zahllosen historischen Schätzen, was durch die späte Industrialisierung des Landes begünstigt wurde. Die vom Zahnarzt bekannte Regel „Orgelpflege statt Orgelersatz“ wurde hier frühzeitig befolgt.

Die andere markante Spezialität, auch in Belgien und Nordfrankreich, heißt Carillon und existiert seit dem 17. Jahrhundert. Die über eine Art Klaviatur gesteuerten Glockenspiele prägten für die Niederlande den Begriff „Glockennation“, an drei dortigen Universitäten kann der Beruf des Glockenspielers studiert werden.

Im Fahrwasser der heute Klassik genannten Musik erwarben sich vorwiegend die Interpreten Ruhm und Ehre. Als Abordnung besuchen die Domstadt in der kommenden Saison der Dirigent Bernard Haitink, die charmante Geigerin Janine Jansen und der Pianist Ronald Brautigam, dazu reisen Orchester aus Amsterdam und Rotterdam an. Als Komposition gibt es eine Uraufführung (am 9.5.19) des neuen Doppelkonzertes von Michael van der Aa, mit zwei absoluten Weltstars der Klassikszene – die kraftvolle Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die liebreizende Cellovirtuosin Sol Gabetta. Aber auch die Augustgäste aus Rotterdam führen einen Weltstar ins Konzert: Yefim Bronfman brilliert mit Liszt.

Yefim Bronfman, Rotterdams Philharmonisch Orkest, Y. Nézet-Séguin | Mo 27.8. 20 Uhr | Kölner Philharmonie | 0221 280 280

Autor

OLAF WEIDEN

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