„Keine Angst vor Abos!“

Jutta Unger, Geschäftsführerin der Freien Volksbühne e.V., Foto: Jan Schliecker

„Keine Angst vor Abos!“

Jutta Unger über die Besucherorganisation Freie Volksbühne e.V.

choices: Frau Unger, Sie sind jetzt seit eineinhalb Jahren die Geschäftsführerin der Freie Volksbühne e.V. – was gibt es für Neuerungen?
Jutta Unger: Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das Angebot zu erweitern. Wir haben jetzt auch Jazz im Angebot, da arbeiten wir mit dem Stadtgarten zusammen und das wird auch sehr in Anspruch genommen. Auch das generelle Jazz-Angebot, das ich aufgelegt habe, wird sehr nachgefragt. Ich selber komme aus dem Jazz- und Pop-Bereich und möchte jetzt mehr Pop-Programm auch für jüngere Leute an den Start bringen.

Was ist das Ziel des Vereins?
Wir wollen, dass jedermann teilhaben kann an Kultur. Die Freie Volksbühne e.V. ist eine Besucherorganisation, ein gemeinnütziger Verein, der Abos anbietet für Kulturveranstaltungen in Köln, und zwar die ganze Bandbreite von Oper, Comedy, Theater – Schauspiel und kleine Theater –, Konzerte in der Philharmonie, in der Flora, WDR, Museen oder auch Führungen – zum Beispiel auch in der Feuerwehrzentrale oder am Rheinauhafen. Wir bieten u.a. Karten von der Volksbühne am Rudolfplatz an, „unserem“ Theater. Kurz zur Erklärung wegen der Namensgleichheit: Die Freie Volksbühne e.V. und die Volksbühne am Rudolfplatz sind eng miteinander verbunden, agieren aber eigenständig. Die Preise sind bis zu 25 Prozent reduziert, weil wir auch größere Kontingente abnehmen – wir sind also die preisgünstigsten Anbieter unserer Art. Die bundesweite Volksbühnenbewegung kommt aus der Gewerkschaftsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts. Es gibt fast in jeder Stadt eine Volksbühne, die diese Angebote macht, je nach den Möglichkeiten vor Ort. Unseren Verein gibt es jetzt seit über 95 Jahren.

Worauf lasse ich mich bei den Abos ein?
Man kann die Abos, die man erwirbt, selbst gestalten; man kann freies Mitglied werden und sich einzelne Tickets aus unserem Angebot heraussuchen, oder ein Angebot so annehmen, wie wir es zusammengestellt haben. Es gibt viel Freiheit in der Auswahl – die Leute haben ja auch immer Angst, festgelegt und für immer und ewig gebunden zu sein. Das ist natürlich so nicht der Fall. Man muss keine Angst haben vor den Abos: keine Bindungsangst! Man kann auch mal eine Karte tauschen, wenn man keine Zeit hat. Wir sind sehr flexibel und wollen es so einfach und bequem wie möglich für unsere Kunden machen.

Ist das dann nicht sehr aufwendig für Sie?
Es ist natürlich nicht immer möglich. Wenn man ein Abo hat, kann man problemlos einmal tauschen, das ist Teil des Angebots. Und wenn mal Not am Mann ist, dann machen wir es auch. Wenn wir es möglich machen können, kann man auch noch ganz kurzfristig tauschen – lieber ist es uns natürlich mit Vorlauf. Aber wir versuchen diesen Service einfach anzubieten. Manchmal sind die Karten ausverkauft, da können wir dann auch nichts mehr machen.

Man braucht sich also nicht zu sorgen, dass etwas verfällt – man findet immer eine Lösung.
Man findet meistens eine Lösung, wenn es hart auf hart geht.

Sie sind dabei auch nicht nur von den Kontingenten abhängig, sondern kaufen auch noch Karten nach?
Das machen wir auch, versuchen es aber zu vermeiden, weil es schon viel Arbeit ist. Wir sammeln dann nochmal Anfragen und versuchen bei dem Haus noch Karten zu bekommen. Manchmal geht’s, manchmal geht’s nicht.

Wie sieht die freie Mitgliedschaft aus?
Wir sind eingetragener Verein – wir sind gemeinnützig und kein Ticketservice in dem Sinne, der einzelne Tickets anbietet. Nichtsdestotrotz, wenn man einmal im Jahr den Mitgliedsbeitrag von 36 € zahlt, kann man auf einzelne Tickets zugreifen, aber auch wenn man ein Abo hat, kann man nochmal auf das ganze Angebot zugreifen und sagen: Ich habe zwar ein Theater-Abo, aber ich gern auch in die Oper oder zu einem Jazzkonzert, das geht auch immer.

Solange das Abo läuft?
Genau, man ist in dem Moment einfach Mitglied. Das steht aber nicht im Vordergrund, weil die Leute Angst vor automatischen Mitgliedschaften haben. Das hat aber keine Verpflichtungen. Man kann die Mitgliedschaft auch kündigen und es gibt Angebote, die sehr begrenzt sind, z.B. die Sonderangebote für Weihnachten und Ostern. Wenn das Abo vorbei ist, dann ist es wieder vorbei mit der Mitgliedschaft. Ich glaube daher, dass das für viele gar nicht wirklich relevant ist.

Im Programm ist auch etwas von Werkeinführungen zu lesen…
Mit den Karten schicken wir auch immer eine Werkeinführung.

Gibt es denn schon jüngere Abonnenten?
Es ist unterschiedlich. Viele Leute wissen heute nicht, was sie in den nächsten drei Monaten an dem Tag X machen, weil unser Leben sich insgesamt verändert hat. Aber es gibt auch jüngere Leute die sagen, ach, jetzt kaufe ich mir so ein Theater-Abo, weil ich gar nicht die Kompetenz habe – ich vertraue darauf, dass jemand die guten Stücke für mich aussucht, und wenn man so einen Termin hat, dann geht man auch hin. Das sind ja oft z.B. 4er-Angebote über eine ganze Spielzeit. Ich glaube, das ist dann ein Angebot, das man eher wahrnimmt, als wenn man es sich selbst aussuchen müsste.

Ist Live-Entertainment gegenüber den digitalen Medien heute nicht auf dem Rückzug?
Das würde ich nicht sagen. Ich glaube, dass das Live-Entertainment überhaupt nicht zu ersetzen ist und dass es, im Gegenteil, mehr denn je gefragt ist. Das zeigen auch die Preise, was etwa Konzerte anbelangt. Die Unmittelbarkeit von Theater und das Erlebnis, in ein Konzert zu gehen, sind natürlich nicht zu ersetzen. Das Live-Erlebnis ist auch einmalig und nicht wiederholbar.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Institutionen?
Die läuft grundsätzlich gut. Das sind ja unsere Partner in dem Sinne. Das ist natürlich immer so ein bisschen ambivalent: Wir sind einerseits natürlich auch Mitbewerber auf dem Markt, weil auch jedes Haus ein eigenes Abo anbietet. Wir können allerdings genreübergreifende Angebote machen. Wir helfen natürlich auch beim Vertrieb: Ich glaube, die freien Volksbühnen vertreiben bundesweit im Jahr eine Million Tickets.

Gibt es zwischen den freien Volksbühnen ein Netzwerk?
Ja, es gibt ein Netzwerk, einen Dachverband, aber jeder hat eine andere Façon, wie er es macht. Also die Berliner haben keine freie Mitgliedschaft, die haben ein Kulturticket, das ist aber im Grunde genommen das Gleiche. Aber wir tauschen uns aus, es gibt Synergien z.B. was Datensysteme angeht.

Sie arbeiten also auch mit der Volksbühne Bonn?
Wenn die Bonner sagen, ok, es macht ja keinen Sinn, dass wir beide das gleiche anbieten oder etwas Ähnliches, dann ermöglichen wir den Bonner Mitgliedern, auf unser Angebot zuzugreifen, ohne dass sie bei uns Mitglied sind.

Was für eine Form der Beratung bieten Sie an – etwa zur Wahl der Pakete?
Ja, welches Paket sie nehmen und welche Möglichkeiten es bei uns gibt, Angebote zu mischen, aber wir sind natürlich auch immer informiert, was läuft, was finden wir gut, was ist gut besprochen, was wird in Zukunft angeboten… Wir arbeiten tagein tagaus in dem Bereich und können natürlich die Sachen einschätzen.

Was sind denn für Sie und ihr Team die Anhaltspunkte bei der Auswahl von angekündigten Veranstaltungen?
Man kann natürlich sagen, es ist aufgrund des Regisseurs, der Sänger usw., dass man im Voraus weiß, das kann gut werden oder das war schwierig letztes Jahr. Manche haben ja auch ihre Handschrift, da kann man das schon so ein bisschen einschätzen. Aber hundertprozentig sicher kann man nicht sagen, wie die Produktion wird. Die Bühnen der Stadt Köln und auch KölnMusik präsentieren ihr Programm im späten Frühjahr, und dann fangen wir an, es zusammenzustellen. Und klar, wir nehmen natürlich alle Opernpremieren auf in der nächsten Saison, zum Beispiel. Ob die gut oder schlecht sind, das ist dann allerdings noch nicht klar.

Das ist für das Publikum aber auch spannend und man freut sich umso mehr über Gelungenes.
Ja, und oft es ist dann so, wenn es gut besprochen wird, dann gibt’s kein Halten mehr. Das war extrem letztes Jahr mit „Turandot“, jeder wollte noch rein, das war ständig ausverkauft. Das ist auch beim Theater so.

Sind sie den Gedanken der Gründer noch verpflichtet?
Ja, denn wir haben auch einen gesellschaftspolitischen Anspruch. Dadurch, dass wir aus dem gewerkschaftlichen Hintergrund kommen, sagen wir, Kultur ist ein Allgemeingut, zu dem jeder Zugang haben sollte. Und einmal im Jahr verleihen wir den Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater, wo wir das ganze Jahr über eine Jury ins Theater schicken unter der Prämisse, dass wir das beste politische Theaterstück prämieren wollen. Uns geht es schon darum, dass Kultur nicht nur Unterhaltung ist, sondern auch eine Aussagekraft in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen hat und auch eine Plattform dafür darstellt. Das machen wir auch mit unserem Abo und Format „brandneu“, wo wir uns auch in jeder Spielzeit zwei Themen heraussuchen, wo wir denken, das ist jetzt ein zentrales und aktuelles gesellschaftspolitisches Thema. Jetzt waren es Armut und Umwelt.

Freie Volksbühne e.V. | Aachener Str. 5 | 0221 952 99 10 | volksbuehne.de

INTERVIEW:

JAN SCHLIECKER

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